Ein Radiofeature

Hier geht es zum Anhören des Features:
Vorab das Interview zum Radiofeature Hass auf Heimat

Ursendung: 12.10.2011, MDR-Figaro, Blick auf den Abend

Blick auf den Abend: 

Herr Reitel, „Hass auf Heimat“ heißt ihr Feature über die rechte Opposition in der DDR, eine rechte Szene in einem sozialistischen Land. Wie war so etwas überhaupt möglich, das hätte es doch eigentlich gar nicht geben dürfen.

 

Axel Reitel: 

Nun es ist ein weitestgehend verschwiegenes Kapitel der DDR-Geschichte gewesen. Es gab, genau wie im Westen, Schändung jüdischer Friedhöfe, es gab Hakenkreuzschmierereien, es gab in den 1980iger Jahren sich offen als Skinheads deklarierende Staatsbürger, die auch äußerlich so auftraten. All dies wurde von der Staatssicherheit zwar registriert, aber in der Öffentlichkeit weitestgehend verschwiegen. Juristisch wurde es also unter der Decke gehalten oder banalisiert, als Rowdytum abgewertet. Überhaupt wurde insgesamt das Dritte Reich ganz anders bewertet, als öffentlich veräußert. Mein Vater, ein zuverlässig funktionierendes Parteimitglied, der erzählte unerhörte Dinge. Zum Beispiel, Ende der 1970iger Jahre, erinnere ich mich, da erzählte mein Vater, dass der SED-Kreisleiter damals gesagt hätte, im Hinblick auf bestimmte Sicherheitsvorkehrungen wegen eines größeren Ereignisses in der Stadt, „man könne von Hitler noch lernen“. Vor allem hinsichtlich dessen straffer Organisierung des Staates. Das muss man sich einmal vorstellen! Und da gab es eben ’87 den Überfall auf die Zionskirche – und da wurde das Thema erstmals richtig öffentlich, kann man sagen, und da ging aber auch wirkliche eine Lawine los.

 

Blick auf den Abend: Und das war erst wenige Jahre vor der Wende, man hat ja kaum etwas erfahren darüber, eigentlich nur wenn, dann durch die Westmedien. Was ist da eigentlich vorgefallen?

Axel Reitel:

In der Zionskirche fand ein Konzert statt mit den Punkbands „Element Of Crime“ aus Westdeutschland und aus Ostdeutschland die Punkband „Die Firma“. Da waren ungefähr 1000 Konzertbesucher anwesend. Viele waren Punks, das war damals die große Modewelle aus England rüberkommend. Und auf der anderen Seite machten sich ungefähr 30 angetrunkene Skinheads daran, in den Innenraum der Kirche zu stürmen und mit „Sieg Heil!“-Rufen auf die nächststehenden Konzertbesucher einzuprügeln. Dabei griff die anwesende Volkspolizei aber nicht ein, sondern sah teilnahmslos zu. Auch das muss man sich mal vorstellen. Es kam schließlich zur ersten Verurteilung der Täter und das wurde aber auch nicht richtig verhandelt, von den Inhalten her, sondern es wurde auf „das Niveau einer Wirtshausprügelei“ [O-Ton im Feature von Dirk Moldt] runtergedreht. Daraufhin aber und das ist auch einmalig, folgten massive empörte Eingaben von der Öffentlichkeit, die das ja mitbekommen haben. Die das mitbekommen haben, dass die zu einfachen Bewährungsstrafen verurteilt worden sind. Und da ging dann auch wirklich etwas los, die mussten nochmal in die zweite Instanz, und da haben sie gezeigt, dass sie immer noch wissen, was Schauprozesse sind. Allerdings, das glaube ich, war das auch ein bisschen die Rache dafür, weil ebenfalls der Westen sofort von den Ereignissen berichtet hatte.

Blick auf den Abend: 

Nun weiß man ja dass in der DDR ein Teil der Beamtenschaft, der höheren Beamtenschaft im Dritten Reich, weißgewaschen wurde, weil man sie gebraucht hat nach dem Krieg. War das der Nährboden, aus der diese Entwicklung kam? Oder – aus welchen sozialen Kreisen kamen eigentlich diese Täter? Gab es da vielleicht so etwas wie einen rechtsextremen familiären Hintergrund?

Axel Reitel: Also offensichtlich zunächst einmal – nicht. Also die vier Jungs, die ich da interviewt habe, die aus höheren Funktionärskreisen stammen, eigentlich gar nicht. Deren Eltern sind eigentlich alle so, wie Kohl mal gesagt hat, fallen die unter die „Gnade der späten Geburt“i. Aber was Sie gerade gesagt haben, das gab es natürlich, das wird auch im Feature im Anschluss dargestellt werden. Aber viel dieser Skinheads kamen natürlich aus Funktionärsfamilien, was dahingehend erschreckend ist, wieso in einer kommunistischen Familie – wieso orientieren sich die Kinder dann rechts? Aber diese Funktionärsfamilien in diesem Staat, der nach außen immer behauptet, sämtliche faschistischen Wurzeln ausgerottet zu haben, nach Innen aber sehr wohl, wie Sie schon sagten, NS-Verbrecher mit Ämtern versehene hat – aber es ging natürlich aus um das offizielle Bild in der DDR: und da hat man sehr schnell verglichen. Das war ja immer im Munde, die an die HJ erinnernde FDJ oder die an die Wehrmacht erinnernde Uniformierung der NVA. Daraus haben sich sowohl linke und später eben auch rechte Oppositionen gegründet oder gestaltet vor allem gegen das völlige Totschweigen von gewissen Strömungen.

Blick auf den Abend:

Herr Reitel, nun ist das eine Menge Stoff und eine Menge harter Tobak auch, den Sie da dem Publikum vorstellen. Ich kann mir vorstellen, die Recherchen, die Hintergründe zu eruieren für dieses Feature, was Sie heute Abend vorstellen, da haben Sie mit jeder Menge Leute gesprochen – also, die Skinheads haben Sie schon erwähnt – aber es gibt auch Experten, die zu Wort kommen.

Axel Reitel:Ja, es gibt zum Beispiel Bernd Wagner. Bernd Wagner war ja nun in der DDR ein Kriminologe. Und wurde nach dem Überfall auf die Zionskirche, als dann ein Gremium gebildet worden ist, mit der Führung des Gremiums beauftragt worden, des Untersuchungsausschusses. Professor Bernd Wagner leitet heute Aussteigerorganisation „exit“. Dann habe ich gesprochen mit Dirk Moldt, ein 49igjähriger Berliner Historiker, der sehr früh schon diesen Überfall recherchiert hat, wissenschaftlich aufgearbeitet hat (kann man auch im Internet nachlesen, ein hervorragender Text!). Und [er] ist ein sehr guter Zeitzeuge und wissenschaftlicher Kopf. Und dann habe ich noch gesprochen mit Frank Willmann. Frank Willmann wurde aus der DDR, wie viele opponierende Köpfe weggeekelt. Er lebte in Weimar und er ist ein Fußballexperte und hat Bücher über den BFC-Dynamo verfasst und sitzt da ganz tief drin in der Materie und ist auch ein ausgezeichneter zeitzeuge gewesen.

Blick auf den Abend:

Also, tiefgründige Hintergrundrecherchen zum Thema Opposition von rechts in der DDR. Axel Reitel war das, Autor der Sendung Hass auf Heimat- die rechte Opposition in der DDR, heute Abend, 22.00 Uhr, können sie die Sendung hier hören, bei Figaro. Herzlichen Dank.

Axel Reitel:

Ich danke Ihnen.

MUSIK Element of Crime The last dance: This is the last dance, / this is the last dance, / this is the last dance, / so twist and shout

 

MUSIK Stopp

Ansage: Hass auf Heimat–die rechte Opposition der DDRii. Feature von Axel Reitel

MUSIK weiter

Sprecherin: Es ist ein Herbsttag, der 17. Oktober 1987. Ein Sonnabend. Schon seit Wochen gibt es das Gerücht im Prenzlauer Berg: In der Zionskirche soll die West-Berliner Band „Element of Crime spielen. Fünfzehn Plakate und Mund zu Mund Propaganda reichen aus, um die Kirche bis auf den letzten Platz zu füllen. Etwa 1000 Leute sind gekommen: Punks, Mütter mit ihren Kindern, Aktivisten der Umweltbibliothek – ganz normale Leute aus der Gegend.

MUSIK Stopp

Sprecher: Zur gleichen Zeit findet in der HO-Gaststätte „Sputnik“ in der Greifswalder Straße eine Geburtstagsparty statt. Eine Skinhead-Truppe feiert und säuft schon seit Nachmittag. Alles ist billig. Bier, Schnaps – und alle sind betrunken.

Sprecherin: In der Zionskirche werden die Besucher eingelassen. Es herrscht absolutes Rauchverbot – das ist die größte Sorge der Veranstalter. Der Auftritt von zwei Bands ist geplant. Zuerst „Die Firma“, dann „Element of Crime“. Dirk Moldt gehört zu den Ordnern und steht am Eingang.

 

Dr. Dirk Moldt (Historiker): Die Vorbereitung war so, dass eigentlich nur die Band Element Of Crime spielen sollte, es hat aber nicht mit der Anlage geklappt, deswegen hat sich Silvio Meyer, der das organisiert hat damals, an die Firma gewandt und hat gesagt, könnt ihr euch vorstellen, eure Anlage mit aufzubauen, auf der die dann spielen können. Und da haben die gesagt: gut, ok. machen wir, aber wir wollen auch spielen. Und denn haben eben wir gesagt, o.k., was soll’s, spielen die eben auch.

Sprecherin: Um kein Aufsehen zu erregen, reisen die Musiker der Band „Element of Crime“ mit einem ganz normalen Touristenvisum ein. Eine Reise mit Instrumenten wäre zu auffällig gewesen. Sven Regener hat nur das Mundstück seiner Trompete dabei. Für die Band aus dem Westen ist dieses Konzert etwas Besonderes. Sie sind beeindruckt von der Zuschauerzahl in der Kirche, in der die Menschen „fast an der Kanzel hängen“.

Sven Regener: Also, das war wirklich eine seltsame Welt, als, das war so, als wenn man auf den Mars kommt oder so. Wir hatten immer gedacht, gut, wir leben in derselben Stadt aber die andere Hälfte haben wir ja nie gekannt. Und dann waren wir plötzlich da lernten plötzlich diese Leute kennen und stellten fest, eh, die sind gar nicht anders drauf, oder so. gut drauf. Am Zionskirchplatz sah das fast so aus wie in Kreuzberg, oder so.iii

Sprecher: Im „Sputnik“ ist Verstärkung aus dem „Westen“ eingetroffen. Gemeinsam schütten sich die Skinheads die „Rübe voll“ – und sinnen auf Rache für eine am Abend zuvor verlorene „Schlacht“:

Ronny Busse („Rädelsführer“ des Skinhead-Überfalls auf die Zionskirche): Und irgendwann kamen die Ostkreuzer an. Und die haben uns erzählt passt auf Leute, wir hatten gestern Theater im Haus der „Jungen Talente“ mit einer ganzen Horde Zecken. Und die haben gesagt, wenn wir etwas wollen, sollen wir zur Zionskirche kommen.iv

 

Sprecher: Mit dem Alkoholpegel steigen die Wut – und der Drang zur Tat. Mit dem Konzert in der Zionskirche scheint sich sofort eine gute Gelegenheit zu bieten: Eine Kirche voller Punks.

Sprecherin: In der Zionskirche läuft das Konzert. Die Musiker von „Element of Crime“ spielen auf den geliehenen Instrumenten zur Freude ihr ostdeutschen Fans, die teilweise textsicher, die Titel mitsingen. Die Ordner in der Kirche haben ihre Mühe, den Platz vor dem Altar freizuhalten. Es gibt großen Beifall. Nach dem Ende des Konzerts will niemand nach Hause gehen.

Sprecher: In der Kneipe in der Greifswalder Straße geht der „Sturmbannführer“ von Tisch zu Tisch und trommelt seine Leute für den Angriff zusammen. Etwa 30 Skinheads machen sich auf den Weg in Richtung Zionskirche. Bewaffnet mit Fahrradketten und Fenstergriffen als Schlagringe.

Sprecherin: Die ersten Besucher verlassen die Kirche. Der 23 jährige Dirk Moldt steht mit dem Klingelbeutel in der Hand an der Kirchentür, um Spenden zu sammeln. Die Lage scheint ruhig.

Dirk Moldt: Als die Veranstaltung stattfand, gab es diese typischen Begleitungen durch das MfS, Begleitung in Gänsefüßchen, dass die Mannschaftswagen irgendwo rumstanden, ein paar Straßen weiter, das kannte man auch von anderen Veranstaltungen, die in der Kirche organisiert worden waren. Das war was ganz Vertrautes. Krankenwagen standen auch da, ein oder zwei. Das heißt also, das MfS hatte sich von sich aus auch darauf vorbereitet.

Sprecher: Bereits während der Straßenbahnfahrt wird ein Mann zusammengeschlagen. Dann wird die Kirche gestürmt. Etwa 30 Hooligans versuchen keilförmig zum Altar vorzudringen, schlagen mit Gegenständen auf Konzertgäste ein und brüllen ‘Juden raus aus deutschen Kirchen!’, ‘Kommunistenschweine!’ und ‘Sieg Heil!‘ Es gibt ein heilloses Durcheinander. Die Punks beginnen sich zu wehren. Die Musiker sind beim Instrumentenabbau und teilweise hinter der Bühne. Zuerst glauben einige Besucher an einen vorher befürchteten Einsatz der Volkspolizei.

Sprecherin: Doch im Gegenteil, von den Genossen der VP ist nichts zu sehen. Das ist selbst für den West-Berliner Sven Regener verwunderlich.

Sven Regener: Ich fand es ein bisschen seltsam, dass es so einfach ging und dass auch die Volkspolizei, die sonst immer so präsent war, die ich als präsent erlebte, also an den Grenzübergängen, da waren ja immer diese vielen Leute in ihren Uniformen, und so weiter, dass da gar nichts passiert von denen aus, nich‘.

Dirk Moldt: Also, der Skandal war eigentlich gewesen, dass die Polizei das mit beobachtet hat und da nichts getan hat. Also, das habe ich ja auch in meinem Artikel zitiert, dass Besucher des Konzertes sich an die Polizei gewandt haben und gebeten haben, dort irgendetwas zu machen und die sind wirklich, also, die haben die Augen verschlossen, sie haben Scheibe hochgekurbelt von ihren Autos oder haben gar nicht erst geantwortet und andere haben gesagt, na würden sie da reingehen oder so was, also in dem Moment hat die Polizei nichts getan. Die Polizei des antifaschistischen Staates; und das war eigentlich der Skandal dabei; und natürlich dieser Überfall an sich, weil, das war eine neue Qualität, das hat es so vorher noch nicht gegeben.

Sprecherin: „In dieser Nacht entsteht das bis heute nicht widerlegte Gerücht, dass dieser Überfall auf die Kirche, in der auch die Berliner Umwelt-Bibliothek arbeitete, wenn nicht von den Sicherheitskräften geplant, so doch von ihnen begleitet oder wenigstens tatenlos hingenommen wurde.“v

Sprecher: Die Ostberliner Untergrundzeitschrift „Umweltblätter“ berichtet in ihrer Ausgabe vom 1. September 1987: „Die Situation war grotesk. Die 300 bis 400 am Ende des Konzerts noch gebliebenen Zuschauer ließen sich von 30 Glatzköpfen terrorisieren. Erst als eine kleine Anzahl von Entschlossenen massiv gegen die Skins vorging, verließen diese fluchtartig die Kirche. Um sich ihrer Niederlage zu entschädigen, mischten die Skins den Schwulenstrich an der Schönhauser Allee auf. Die sind jedenfalls schön feige und wehren sich nicht? Warum eigentlich nicht?“ Tatenlos standen auch mehrere Polizeiwagen um die Zionskirche herum. Angeblich hatten sie keine Anweisungen. Andere wollten, „in so einen Haufen“ nicht reingehen. Der Widerstand gegen die Glatzköpfe ist vorerst vereinzelt und diskontinuierlich. Von der Polizei wurde die Bewegung von Anfang an bagatellisiert. Verurteilungen der Skins vor Gericht erfolgen in der Regel individuell nicht wegen faschistischer Propaganda, sondern wegen Körperverletzung oder Rowdytum, so dass die Skins nach einem halben Jahr wieder in Freiheit sind.

Sven Regener: Das mit den Skinheads hat mich, ehrlich gesagt, nicht besonders überrascht. Ich hätte nie das Gefühl, dass die DDR ein antifaschistischer Staat ist – Wenn ein Staat so stark in das Privatleben seiner Bürger eingreift und eigentlich jede Lebensäußerung seiner Bewohner irgendwie so sehr steuert, dann kann er nicht antifaschistisch sein.

Sprecher: Per Verfassungsdekret hatte die SED den Arbeiter- und Bauernstaat seit dem Jahr 1968 zur faschismusfreien Zone erklärt. Im Artikel 6 der Verfassung der DDR vom 6. April 1974 heißt es: „Die Deutsche Demokratische Republik hat getreu den Interessen des deutschen Volkes und der internationalen Verpflichtung aller Deutschen auf ihrem Gebiet den deutschen Militarismus und Nazismus ausgerottet…“

Erich Honecker: „Heute wie damals lautet der Schwur: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg! Die Deutsche Demokratische Republik, sie verkörpert die Ideale des antifaschistischen Kampfes.“

Sprecherin: Die Wirklichkeit in der DDR sah anders aus. Auf den Fußballplätzen, in den Kneipen der rechten Szene sind antisemitische Sprüche und Witze an der Tagesordnung. Der Angriff auf die Konzertbesucher in der Zionskirche ist nicht zu vertuschen. Am 20.Oktober meldet der RIAS II um [04.12 Uhr]: „Inwieweit sich dabei Volkspolizisten am Ort des Geschehens, womöglich absichtlich aus den Ereignissen herausgehalten hätten, ließ sich noch nicht verlässlich klären. Die Gemeindeleitung konnte vorerst Meldungen nicht bestätigen, wonach Ordnungskräfte dem Ablauf lediglich zugesehen haben sollen.

Henry Leidevi: Die DDR war eben nicht der antifaschistische Musterstaat, als die sie sich immer dargestellt hat. Und es kann ja gar keinen verwundern, also, die DDR hat’s ja auch geschafft, also erstens Opfer oder Opfergruppen auszuschließen: beispielsweise Zeugen Jehovas, die nach dem Krieg sogar wieder verfolgt worden sind durch DDR und SED. Und die Opfer in Hierarchien einzuteilen, in Kämpfer und Nichtkämpfer.

Sprecherin: Henry Leide. Historiker. Autor des Standardwerkes NS-Verbrecher und Staatssicherheit.

Henry Leide: Die DDR hat’s geschafft, trotz ihres deklamatorischen Antifaschismus sämtliche Feinde Israels zu bewaffnen und zu unterstützen. Und die DDR hat es geschafft, ihre Verbrecher, NS-Täter, vor der Strafverfolgung zu schützen, das ist nun mal ein Fakt.

Sprecherin: Die Nachrichtenwelle schwappt zurück in den Osten – das Regime gerät unter Zugzwang. Die Berliner „Wochenpost“ kommentiert den Vorgang mit einem für die damaligen Verhältnisse typisch vorsichtigen Hinweis für das Versagen der vielgepriesenen antifaschistischen Erziehung in der DDR: „Die fünf Jugendlichen wuchsen bei uns auf, in unserem Land, in dem das Andenken an die millionenfachen jüdischen und anderen Opfer der nazistischen Barbarei und das Vermächtnis dieser Toten in Ehren gehalten werden. In dem, davon sind wir doch überzeugt, die Wurzeln des faschistischen Ungeistes gerodet werden“. Die Staatssicherheit eröffnet den Operativen Vorgang „Konzert“ und Ende November 1987 beginnt vor dem Stadtbezirksgericht Berlin-Mitte der Prozess gegen vier Hauptangeklagte.

Dirk Moldt: Man hat es ja zuerst gar nicht zur Kenntnis genommen, dass es Neonazis waren. Auch in dem Prozess nicht, da ging es ja eher um Rowdytum. Also um Vandalismus, wenn man so will, da hat man das so ein bisschen runter gepegelt, auf das Niveau einer Wirtshaus-Schlägerei und dann hat es aber sehr, sehr viele Proteste aus der Bevölkerung gegeben.

Sprecherin: „Die lagen bei Erich Mielke, der Minister für Staatssicherheit hat die Information – zwei Tage nach dem Überfall – auf dem Tisch. Man sei dabei, Ursachen und Hintergründe der Vorkommnisse aufzuklären und die Identifizierung der Täter und der Motive vorzunehmen. Weitere Maßnahmen werden in Abhängigkeit von den Ergebnissen folgen. Einen Tag später ergeht von Mielke eine Information an den Minister des Innern. Ihr zufolge haben sich am 19. Oktober zwei Geschädigte bei der Polizei gemeldet, um Anzeige zu erstatten. Darauf hat sich die VP-Inspektion Mitte zunächst einmal bei der ‚Schnellen Medizinischen Hilfe‘ erkundigt, ob sie auch tatsächlich einen dieser Leute behandelt habe. Danach wurde der Geschädigte von der Staatssicherheit über den Vorfall befragt. Abgesehen von den polizeilichen Ermittlungen wird als Maßnahme lediglich genannt, dass mit dem Pfarrer der Zions-Gemeinde ein Gespräch zu führen sei, in dem der Kirche Folgen solcher Pop-Veranstaltungen und die Verantwortung der Kirche dargelegt werden sollen. Doch nicht alle kompetenten Ermittlungsorgane scheinen informiert worden zu sein.“vii

Sprecher: „Zunächst waren die Ausschreitungen der Skinheads am 17. 10. 1987 nicht bekannt, beklagt sich später der Generalstaatsanwalt der DDR. Erst auf ausdrückliche Rückfrage erfährt der Generalstaatsanwalt von Berlin am 21. 10. 1987, dass es Vorkommnisse an der Zionskirche gegeben hat, die operativ bearbeitet würden.“viii Obwohl innerhalb der geheim operierenden Ministerien des Innern und der Staatssicherheit die rechten Erscheinungsgruppen bereits bekannt sind, gibt es vor dem Überfall auf die Zionskirche 1987 keine Beschäftigung mit dem rechten Potenzial in der DDR.

Sprecherin: Die Täter werden zu lächerlichen Haftstrafen verurteilt, die meisten kommen mit einer Bewährungsstrafe davon. Damit ist die Sache abgeschlossen, der Vorfall „unter den Teppich gekehrt“.

Henry Leide: Ich denke aber, dass es noch eine andere Qualität hat, ob ich Personen habe, die an Mordtaten, an Gewalttaten beteiligt gewesen sind, von dem ich als staatliches Untersuchungsorgan, und das war die Staatssicherheit, weiß, und dann aber trotzdem nichts unternehme. Entweder, weil sie mir als Inoffizielle Mitarbeiter zu wichtig sind oder weil ihr Verhör gerade nicht in die politische Lage rein passt. Oder weil ihr Fall die eigene Propaganda zu konterkarieren drohte. Dass nämlich alle Täter in die Bundesrepublik abgehauen sind und so weiter.

Bernd Wagner: Das Hauptproblem war dabei, dass die Führung darüber informiert wurde, dass die Aktion Zionskirche aus dem Westen gesteuert sei. Das übliche Programm. Weil die politisch – ideologische Diversion, ja, also auch der Nazismus, aus dem Westen stamme. Weil die alle Westfernsehen guckten, waren die alle Nazis, völlig klar.

Sprecherin: Bernd Wagner ist zum Zeitpunkt des Überfalls Oberstleutnant der Kriminalpolizei der DDR und später Kriminaloberrat im Gemeinsamen Landeskriminalamt der Neuen Bundesländer. 1988/89 wird Wagner Leiter des Referates VW/SE und zeitweilig Leiter einer AG „Skinhead“ in der Hauptabteilung Kriminalpolizei. Heute leitet er die Organisation „Exit“ für Aussteiger aus der rechtsradikalen Szene und ist DDR Rechts-Extremismus-Experte.

Bernd Wagner: Was die DDR-Nazis ausgezeichnet hat, in ihrem Sinne, ist, dass sie einen glühenden Hass gegen den Kommunismus hatten. Also, die haben zwei Sachen in der DDR gesehen. Eigentlich ’ne passable Konstruktion, die eher verwandt war mit dem Nazi-Reich, dem Alten. Also von der gesellschaftlichen Aufbaustruktur her. Und auch bestimmte Mentalitätsbestände fanden die also gar nicht so schlecht, aber das hätte durchgesiebt werden müssen, durchgewaschen: Kommunisten alle weg. Dann wäre das also ’ne gute Sache gewesen. Also ’ne Art dritter Weg. Also jenseits vom westdeutschen Kapitalismus. Und weg vom roten System. Weg vom Kommunismus: ’n neuen Nationalen Sozialismus zu schaffen, der dann sozusagen die positiven Eigenschaften der DDR ebenso wie die des alten Nazireiches dann vergesellschaftet und sozusagen zu ’ner neuen Blüte bringen. Das war so eine Richtung, die gerade in den Kerngruppen, durchaus hohe Akzeptanz fand.

Sprecherin: Die DDR-Regierung ignoriert diese Entwicklung. Für sie bleiben die Angreifer in der Zionskirche „Rowdys“, die – so liest man in einem Strafverfolgungsersuchen des Generalstaatsanwaltes der DDR an seinen „Kollegen“ in Berlin-West – von westlichen Skinheads inspiriert und zur Brutalität verleitet worden.

Sprecher (aus Gutachten der JHS des MfSix): In allen Formen der gegenwärtigen Klassenauseinandersetzungen versucht der Feind mit alten, aber auch neuen, weniger bekannten Mitteln und Methoden ideologischer und anderer Einflussnahme, insbesondere …auf Jugendliche, seine konterrevolutionären Ziele und Absichten zu verwirklichen. Vom Gegner ergehen immer wieder Aufforderungen an die Jugendlichen der DDR zur unmittelbaren Verbindungsaufnahme zu seinen Einrichtungen im Ausland wie zum Beispiel dem RIAS. Es ist notwendig, die operativen Möglichkeiten des gesamten Ministeriums auf die offensive Bekämpfung derjenigen subversiven Organisationen im Operationsgebiet zu konzentrieren, die in den letzten Jahren neu entstanden sind. Wir haben es hier mit einem Wiederaufleben von Praktiken des „Kalten Krieges“ zu tun.

Sprecherin: Um den Kalten Krieg zu ihren Gunsten zu benutzen, scheut sich selbst der Professorenstab der staatssicherheitseigenen Juristischen Hochschule Potsdam – Eiche in ihren Gutachten zu Promotionsarbeiten nicht, mit eindeutigen menschenverachtenden Begriffen des NS-Staates zu hantieren. So ist oft von „Zurückdrängung feindlicher Handlungen“ zu lesen. Doch bereits im Protokoll der berüchtigten Wannsee-Konferenz vom 20. 01.1942 ist von „der Zurückdrängung feindlicher Kräfte“, für Hitler damals die Juden, die Rede.

Sprecher (aus Gutachten der JHS des MfS): Die unternommene verstärkte Anstrengung in der Zurückdrängung feindlicher und negativer Handlungen Jugendlicher war erfolgreich. Dennoch hat das Thema nichts an Aktualität verloren. Die gezielte Einschaltung von feindlichen Personen aus Einrichtungen der Kirche erfolgt zunehmend, um deren Potenzen und legale Positionen zur Inspirierung und Organisierung antisozialistischer Handlungen zu nutzen. Der Begriff gesellschaftswidriger Verhaltensweisen, erfasst und widerspiegelt den Komplex der Merkmale und den Umfang der Dinge, Erscheinungen usw., die unseren kommunistischen Erziehungszielen, die politisch-ideologische Grundlage des Staates, widersprechen. Der Schulunterricht allein ist nicht ausreichend um höchstmögliche Wirkung zu erzielen. Staatsbürgerkunde und andere Fächer müssten größeren erzieherischen Gehalt haben. Der Jugendliche soll sich mit unserer Sache identifizieren und nicht nur „Noten“ haschen, die für ein Studium erforderlich sind.

Jan: Man ha ja auch immer zwei Meinungen gehabt. Eine Meinung, was die Lehrer in der Schule hören wollten und eine Meinung, wenn man sich mit den Kumpels im Fußballstadionunterhalten hat. Wir waren da alle rechts. Das war völlig normal. Der ganze Staat und det ganze System und was da alles lief, hat uns völlig missfallen. Jeder hatte irgendwelche Bekannten, Verwandten, die in Westberlin oder im Bundesgebiet gewohnt haben. Und det war schon Hass genug, wie die gelebt haben und wie wir für doof verkooft wurden. Was sie in der Schule uns immer erzählt haben, jeder wird ausgebeutet in der BRD und „soll ja auch so sein“ und blablabla, sind halt die Bösen und wir waren die Guten. Na, da kann ich mich doch bloß totlachen, darüber. Mein Vater arbeitete erst im Zentralkomitee der DDR, ne, also angefangen mit seiner beruflichen Sache hat er im Außenhandel der DDR am Alexanderplatz, dann war er auf der Parteihochschule, irgendwie musste er da Parteihochschule machen und dann kam er ins Zentralkomitee der DDR , ja, und zum Schluss war im sogenannten IHZ, im Internationalen Handelszentrum am S-Bahnhof Friedrichstraße. Der hat seine Kohle gemacht, ist in den Westen gefahren, hat sich seine Hemde, Schlüpper und was weeß ick nicht mitgebracht. Der war immer im Intershop einkaufen. Der hat nicht am Alexanderplatz unterm Ladentisch sich ein Hemd zurücklegen lassen müssen, so wie die normalen Sterblichen mussten. Der uns allen bekannte Schalck-Golodkowski war sein direkter Vorgesetzter. Der einmal im Auto vor unserem Grundstück gesessen, wie sie mein Vater du ihn zur Messe nach Leipzig gefahren haben. Und einmal bin ich im Wohnzimmer an ihm vorbeigelaufen. Da hab ich aber nicht gewusst, dass er das ist, als Kind.

Sprecherin: Jan, Sohn eines KoKo-Spitzen-Funktionärs und Mitarbeiter im ZK der SED, ging aus Protest gegen den verleugnenden Umgang der DDR mit der eigenen NS-Vorvergangenheit in die rechte Szene. Bei den Spielen des BFC Dynamo, für die der Vater stets Eintrittskarten vorrätig hatte, fand er eine Reihe Gleichgesinnter, die der Lüge des Staates vom realen nazifreien Sozialismus in provozierender Weise Symbole des Dritten Reiches, wie den Hitlergruß, entgegensetzte. Gigor, Sohn eines führenden Funktionärs des DDR-Fernsehfunks, wurde durch Willkürbeispiele im beruflichen Umfeld des Vaters gegen den Staat radikalisiert. Auch Gigor fand im Umfeld der BFC-Dynamo-Fans Gleichgesinnte, die seine Wut auf den DDR-Staat teilten.

Gigor: Also ich komme aus wohlbehüteten privilegiertem Hause, mein Vater war Chefredakteur beim DDR-Fernsehen. Er hat das DDR-Fernsehen mit aufgebaut. Ich hatte schon Vorteile davon. Dazu gehörten natürlich auch Reisen ins sozialistische Ausland. Die rechte Szene in der DDR …sicherlich gab’s in der Schule mal Leute, die dieses rechte Gedankengut in sich hatten, aber es war für mich nicht irgendwie organisiert erkennbar, sondern es wurde strickt unter Verschluss gehalten. Mit meinen sechzehn Jahren dort, habe ich, für mich, überhaupt nicht wahrgenommen oder begriffen, wie was rechts. Das war für mich überhaupt nicht greifbar, in welche Richtung das und was das oder wie schlimme das sein kann oder wie schlimm auch nicht oder wie auch immer.

Dirk Moldt: Auf diesem sogenannten rechten Augen waren die blind, weil die das nicht erkannt haben, weil die gesagt haben, diese Jungs sind doch o.k.: gehen Arbeiten, sind ganz anders als die Punks, sie sind diszipliniert, sie machen auch Sport, so ’naja, und wenn sie sich kloppen, wir haben uns alle mal geprügelt‘ – und so weiter. Die wollten das nicht wahrhaben, das war für die völlig fremd: die Vorstellung, dass genau über diese Schiene auch die nationalsozialistische Ideologie kommt. Der zweite große Fehler bei denen war ja, nicht nur dass sie das nicht erkannt haben, sondern dass sie geglaubt haben, das Böse, das kommt alles aus dem Westen, der Sozialismus ist gut. Die Menschen sind gut. Der Sozialismus hat eigentlich alles, was ein Mensch braucht und dann braucht‘ s auch nicht mehr, dass der Mensch böse wird. Das war die Vorstellung, alles, was irgendwie böse ist bei den Menschen, was nicht hundertprozentig passt, das kommt alles aus dem Westen. Auch die Nazi-Ideologie. Das kommt aus dem Westen und wird importiert. Und dann haben die irgendwann 1987/88 eine Soziologin beauftragt, die Gruppen mal zu untersuchen. Loni Niederländer hieß die, und die hat dann zweifelsfrei festgestellt, das sind Gruppen, die reproduzieren sich selbst. Also, die reproduzieren dieses gewaltverherrlichende nationalsozialistische Weltbild in sich selbst. Das ist authentisch – Ost. DDR.

Sprecher: „Skinheads in der DDR. Neonazis oder Raudies“, heißt ein Beitrag in der Kontraste-Sendung vom 19. Juli 1988. In der Kontraste-Sendung sind die Stimmen der Skinheads mit technischen Mitteln verzerrt worden. Die Gesichter sind nicht zu erkennen.

O-Ton Kontraste-Sendung: „Die kieken einen an und sagen, das ist so einer, wie er in der Zeitung steht.“ „Ja, der prügelt denn und säuft.“ „Ick find det nich gut, das det alles so hoch gespielt ist.“ „Seitdem liest man täglich, fast täglich in der Zeitung, irgendwelche Raudies. Und: Skinhead-Raudies. Das ist halt det, det wird jetzt alles hoch gespielt, alles, was mit Rowdytum zu tun hat, da hätten die Skins ihre Pfoten mittenmang und das det eben alles vom Westen gesteuert ist. Dass uns det gar nicht in den Kopf gekommen wäre, wenn nicht irgendwelche westliche Leute nicht darauf aufmerksam gemacht hätten. Nee, is‘ garantiert nicht vom Wersten gesteuert.“

Sprecher (aus Gutachten der JHS des MfS): Die Jugend wächst unter komplizierten widerspruchsvollen Bedingungen auf. Es wird darauf hingewiesen, dass sich die Jugendlichen im Freizeitbereich eigenverantwortlich überlassen sind. Der Begriff gesellschaftswidriger Verhaltensweisen erfasst und widerspiegelt den Komplex der Merkmale und den Umfang der Dinge, Erscheinungen, die unseren kommunistischen Erziehungszielen widersprechen. Das Zitat aus der Rede des Genossen Minister. ‚die Existenz negativ-dekadenter Zusammenschlüsse mit rowdyhaften und anderen Handlungen‘. Es gilt als eine gesicherte Erkenntnis, dass durch die von der VP [Volkspolizei] bzw. dem MfS in Vorbereitung der Sicherung politischer Höhepunkte und Großveranstaltungen durchgeführten Vorbeugungsgespräche, auch wenn sie noch so gut sind, in den seltensten Fällen Langzeitwirkungen erzielen werden. Wenn solche Gespräche in bestimmten Fällen auch immer wieder notwendig sind, um Jugendliche bei gegebenen Anlässen zu einem disziplinierten Verhalten zu ermahnen, sollte jedoch gesehen werden, dass der erzieherische Effekt gering ist bzw. dadurch sogar Oppositionshandlungen provoziert und verfestigt werden.

Frank Willmannx (DDR-Fußballexperte): Viele von den Skinheads haben ja auch normale Berufe gehabt. Das waren ja keine Desperados, die waren zwar so ein bisschen gekleidet, aber ansonsten waren es ja eigentlich brave Arbeiter; sind zur Arbeit gegangen, haben sich schick gekleidet, und gut, haben halt „Heil Hitler!“ gerufen – aber ansonsten haben ’se ja fast dem Idealbild eines DDR-Bürgers entsprochen.

Sprecherin: Dieses Idealbild macht sich auch die Staatssicherheit zu Eigen, in dem sie reihenweise versucht, rechtsgesinnte Jugendliche für eine inoffizielle IM-Arbeit zu rekrutieren. Dies geschieht allerdings nicht, wie landläufig angenommen, vor allem durch Erpressung. Im Gegenteil legt das MfS Wert darauf, jeden IM auf der Basis der Überzeugung zu gewinnen. Dies gelingt auch bei der Mehrheit der rund 175.000 IM in der DDR. Es gibt natürlich auch die andere, die Erlkönigseite der Stasi. Ist ein Wunschkandidat unter keinen Umständen mit einer IM-Biografie einverstanden, wird das Druckmittel der Erpressung angewandt. Fruchtet dieses Vorgehen auch dann nicht, kann auf die Verweigerung ein „OV“, eine „Operativer Vorgang“ oder eine „OPK“, eine Operative Personenkontrolle zur Zersetzung der Persönlichkeit des Verweigerers in Gang gesetzt werden.

Sprecher: ‚„Bereits im Juli 1986 wurde gegen den Union-Fan S. die OPK ‚Gas‘ eröffnet. Es ging um ‚Vorbeugung und Verhinderung feindlicher Aktivitäten von Personen mit gewalttätigen Tendenzen und neofaschistischen Einstellungen. ‘ Am 11. April 1988 wurde resümiert, dass jener in der OPK bearbeitete Jugendliche einen starken Geltungsdrang habe, da er anscheinend keine andere Möglichkeit besitzt, innerhalb dieser Gruppe von rowdyhaften Fußballfans ‘Anerkennung‘ zu finden. So hatte er stolz erklärt, sich am 17. Oktober 1987 am Überfall auf die Zionskirche beteiligt zu haben, obwohl er nachweislich an diesem Abend mit den „Borussen“ in Lichtenberg gefeiert hatte. Das eigentliche Interesse des MfS an S. wird im Maßnahmeplan deutlich: Die weitere Bearbeitung der OPK ‘Gas‘ erfolgt unter der Prämisse, das Übersiedlungsersuchen des S. zur weiteren Profilierung des IMB ‘Klaus‘ im Operationsgebiet zu nutzen. Hierzu ist es notwendig, dass der IMB seinen persönlichen Kontakt zum S. weiter festigt und vertieft. Es wird davon ausgegangen, daß S. nach seiner Übersiedlung Kontakt zu Skinheads bzw. rechtsgerichteten Kreisen im Operationsgebiet aufnimmt und sich in dieser Szene etablieren will. ‘Hier ging es also darum, im Westen einen IM, einen Inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit zu platzieren.“xi

Dirk Moldt: Man hat dann die ersten Prozesse vorbereitet. Man hat innerhalb kürzester Zeit Dutzende IM interviewt in Berlin, gefragt, was wisst ihr darüber. Also man sich relativ schnell ein Bild machen können. Ein Ziel des MfS war auch, dass man noch weitere IMs gewinnt, wenn man bei dieser Initiative losgeht und die Leute befragt. Das haben sie nicht geschafft. Es ist nicht ein einziger IM dazu gekommen, in dieser ganzen Kampagne. Also die haben von vornherein den Prozess so vorbereitet, dass man gesagt hat, wir machen hier schnell was gegen die Neonazis oder gegen Anschuldigungen.

Sprecherin: Auch wenn die antifaschistische DDR die Existenz rechtsextremistischer Strömungen und Gruppierungen vor allem in der Zeit nach dem Mauerbau tabuisiert: Es gibt sie. Und gerade diese öffentliche Tabuisierung gibt rechtsextremen Einstellungen und Meinungen unter der Decke der Diktatur die nötigen Spielräume. Von 2400 zwischen 1963 und 1980 aufgedeckten Delikten der sogenannten „staatsfeindlichen Hetze“, entfallen rund ein Drittel auf rechtsextreme Äußerungen. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre ergibt sich sogar ein Anteil von 43 Prozent. Es überwiegen zwar sogenannte „Einzelaktionen“. Einer Reihe von Gruppen gelingt jedoch der Aufbau organisatorischer Strukturen. Die Formen, in denen sich Rechtsextremismus artikuliert, unterschied sich kaum von denen in der Bundesrepublik: Verherrlichung des Nationalsozialismus, Verherrlichung Hitlers als Idol und Führer, Verwendung des Hitlergrußes das Singen von Wehrmachts- und Naziliedern, antisemitische Äußerungen. Allein im ersten Halbjahr des Jahres 1978 werden mehr als 300 Jugendliche aktenkundig, die durch Hakenkreuzschmierereien und durch Sympathiebekundungen für Hitler auffällig geworden sind. Öffentlich bekanntgemacht wird davon nichts. Warum nicht?

Sprecher: Als sich Honecker 1989 verzweifelt gegen seinen Sturz wehrt, drohte Erich Mielke unverhohlen damit, dunkle Punkte in Honeckers Vergangenheit zu enthüllen, falls dieser nicht zurücktrete. Die Erpressung der Nummer Eins im Staat hat Mielke von langer Hand vorbereitet. Schon kurz nach dem Machtantritt Honeckers im Jahre 1971 erteilt Mielke zwei Agenten aus der Stasi-Eliteeinheit „Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe“ (ZAIG) den brisanten Auftrag. In der streng geheimen Operation sollen sie ein Dossier über Honeckers Vergangenheit im Dritten Reich anfertigen. Das 25-seitige Stasi-Dossier trägt den sperrigen Titel „Prüfung der Materialien über die Verhaftung und Verurteilung von Angehörigen der illegalen Organisation des KJVD, des Kommunistischen Jugend-Verbandes Deutschland“. Honecker war 1937 als Aktivist des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschland (KJVD) zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden. In seiner Autobiografie rühmt sich Honecker: „Weder durch die physischen und psychischen Torturen der Gestapobeamten noch in den zahlreichen Verhören durch faschistische Untersuchungsrichter, war ich von meiner kommunistischen Weltanschauung abzubringen.“ Nach vier Jahren Haft war Honecker offenbar bereit gewesen, seine Ideale zu verraten. Auf Honeckers Bitte reichte sein Vater im Oktober 1939 ein Gnadengesuch für ihn ein. Darin „schwört er dem Kommunismus ab“, heißt es im Stasi-Papierxii.

MUSIK Element of Crime “The last dance”

Sprecherin: Mielke weiß um die rechtsradikalen Tendenzen in seinem Land. Als Präsident des BFC kann er die Gesänge der Fans Wochenenden für Wochenende miterleben. Warum er nicht reagiert, bleibt fraglich. Als Präsident aller Dynamo-Sportvereine der DDR, – die den bewaffneten Organen der DDR zugeordnet werden, sieht er sich womöglich zu einer kruden Fairness veranlasst. Gibt es doch rechte Sprechchöre nicht nur in Berlin, sondern in allen DDR-Fußballstadien. Erklärtes Ziel Mielkes ist es jedenfalls, seinen Club, den FC zum DDR-Meister zu machen und das soll er auch bleiben. Wie er mit abtrünnigen Spielern, die nach einer Partie im Westen bleiben, abzurechnen pflegt, ist mit dem Fall Lutz Eigendorf bekannt. Es geht bis zum Auftragsmord. Und was die Oberliga der DDR betrifft, so kann der BFC gewiss sein, mit Mielke als Chef jährlich DDR-Meister zu werden. Und das bleibt so bis 1989.

Sprecher: Bei den BFC-Dynamo-Spielen im Jan-Sportpark gab der Fanblock stimmhaft alles. „Gib Gas, wenn der FCU durch die Gaskammer rast!“xiii schmetterte es etwa Union entgegen.“ Mächtigster BFC-Fan war Stasi-Chef Erich Mielke. Oft war er der Adressat der Provokationen.

Bernd Wagner: Es ging ja so weit, dass der Mielke gereizt wurde, da hatte man bei Bauern in Neuenhagen ein Schwein gekauft hatte, das wurde auf dem Spielfeld platziert, ja, und hatte dann im Block SA-Lieder intoniert, mit Hitlergrüßen und wo weiter. Niemand hat’s ordentlich gefilmt. Niemand hat ordentlich fotografiert. Leute sind im Nachgang festgenommen worden. Einer hat das Geständnis abgelegt, den Hitlergruß gemacht zu haben. Die anderen haben alle geleugnet, ne, weil schon vorher Parole war „Schnauze halten. Stasi-Bullen sind doof. Die kriegen das nie raus.“ Stimmte auch, ja, hat niemand war rausgekriegt. Niemand ist verfolgt worden. Ja, oder ein lebendiges Hakenkreuz 1989 im Spätherbst denn aufm Marx-Engels-Forum zu stellen mit 200 Leuten. Das muss man auch erst mal organisieren.

Frank Willmann: War halt ein großer Moment, in so einem Fußballstadion gewesen zu sein und dort in der Masse staatsfeindliche Parolen zu brüllen. Das war jetzt nicht vordergründig ein politischer Akt, natürlich nicht, aber es wurde als solches verstanden. Von den DDR-Sicherheitsorganen. Sie haben uns als Staatsfeind betrachtet und jetzt könnte man natürlich diskutieren, ob ein Staatsfeind gleich ein Oppositioneller für die Staatssicherheit war. Jedenfalls waren das für uns die Staatsfeinde und sie haben auch diese ganzen Verfahren eröffnet unter der Rubrik, dass sie es mit Staatsfeinden zu tun haben. Staatsfeindliche Hetze oder Paragraf Beleidigung. Oder auch Kontaktaufnahme mit westlichen Organen. Also, das finde ich es schon für gerechtfertigt, dass es so was gewesen ist: ’ne Opposition. Keine organisierte. Eine, die sich spontan zusammengefunden hat. Also, das, was ihnen unmittelbar im Kopf herumging, Gängelung, der übliche DDR-Trott, das hat dann unmittelbar seinen Ausdruck gefunden, teilweise sehr, sehr verspielt und teilweise auch sehr kreativ, in dem man dann solche Dinge gerufen hat, wie „Erich Mielke in die Produktion!“ Oder grad beim BFC „Wer soll unser Führer sein? Erich Mielke!“ Was ja eindeutig eine knallharte Provokation gewesen ist. „Führer“, damit assoziiert der Deutsche den bösen Adolf. Und das mit Mielke gleichzusetzen, also schlimmer ging’s ja gar nicht.

Jan: Fan-Gesänge. Da natürlich auch speziell gegen Erich Mielke gerichtet war, weil das unser Präsident war, damals, der große Stasi-Chef. Solche Sprüche, wie: „Wer soll unser Führer sein?“ „Erich Mielke“. „Wer führt uns in Russland ein?“ „Erich Mielke“. „Wer ist Deutschlands fettestes Schwein?“ „Helmut Kohl“. Solche Dämlichkeiten machten man halt damals. Mit 18, keene Ahnung, oder wie junge wir da warn. Es war aber eigentlich egal, wer wo was spielte, weil: der BFC musste halt Meister werden und gut war. Man kannte seine Pappenheimer unter den Schiris. Beispielsweise Adolf Prokop war unser zwölfter Mann. Der hat bei einem Stand von 1:1 auch mal bis in die 97. Minute spielen lassen. Und hat dann in der 97. Minute einen Elfmeter für den BFC gepfiffen. Und dann hat’s meistens geklappt. Aber, im Endeffekt ging es ja darum, der Mielke hat befohlen, das war ja ein Befehl zu Ostzeiten, wer Schweizer Franken im Westen als Schiedsrichter verdienen darf.

Steve: Das war halt einfach so, dass es doch regelmäßig relativ eigenartige Entscheidungen gab. Und dann saßen wir halt wieder Samstag vor dem Fernseher und schauten Sport aktuell an (lacht) und sah diese Spielberichte und fluchte dann über irgendwelche Entscheidungen im Zusammenhang mit dem BFC und da sagte mein alter Herr schon häufiger „Bist du für uns oder gegen uns“ und (lacht) hin und wieder musste ich dann das Wohnzimmer verlassen.

Sprecherin: Steve, Diplomatenkind, verbringt seine Kindheit in DDR-Botschaften in verschiedenen Ländern. Als Jugendlicher in der DDR kennt er die rechte Szene, ohne ihr jemals anzugehören. Sein Kritik an der DDR aber richtet sich ebenso gegen die Staats-Ideologie, die versucht, Bemühungen um eine offene Debatte im Keim zu ersticken – wer nicht für sie war, war gegen sie – wie gegen das immer stärker werdende Gefühl der Gängelung und des Eingesperrtseins. Bei den Spielen des BFC – Dynamo erlebt er den Versuch der Befreiung durch Provokation.

Steve: Also, ich bin Jahrgang Vierundsechzig. Anfang der Siebziger sind dann meine Eltern beide ins Außenministerium, ins Außenministerium gewechselt und meine Mutter hat da als Presse-Attaché gearbeitet. Mein Vater war Sicherheitsattaché. Unter anderem war ich mit meinen Eltern von 1971 bis ’74, glaube ich, drei Jahre in Neu – Delhi. Also, ich hab mit meinem Vater schon ein schwieriges Verhältnis gehabt. Da gab es schon viel Stress. Allerdings anfangs, vermute ich, lag das nicht an politischen Geschichten, sondern einfach daran, dass er einen extrem autoritären Erziehungsstil gepflegt. Ich glaube, wenn man so in der Botschaftsschule war, mit anderen Diplomatenkindern, das hat dann schon geprägt. Beim BFC … rückwirkend würde ich sagen, war halt so ’ne Pose. Also gab halt keine größere schlimmere Provokation in einem offiziell per definitionem sozialistischen Staat zu sagen: Ich bin Nationalsozialist. Du bist halt nach Dresden gefahren. Und der halbe Zug sang beinhart rechtsradikales Liedgut und dann kam man ins Stadion und dann brüllten die Sachsen (sächselt) „Berlin, Berlin Juden Berlin!“ Und dann hissten die gleichen Leute, die vorher irgendwie Horst Wessel Lied gesungen haben oder irgendwelches andere Zeug, hissten die die Israel-Fahne im Block. Genau (lacht) die gleichen Leute. Weil, denen war’s scheißegal, Hauptsache provokant.

Sprecherin: Titus ist der Sohn eines Vorzeige-MfS-Ehepaars und bezeichnet sich in seinen frühen Jahren, ganz im Einflussfeld der Eltern, als strammen Kommunisten. Diese Überzeugung sollte ausgerechnet während der Lehrausbildung bei MfS zum Kraftfahrzeugschlosser Risse bekommen. Vom MfS auch als Beobachter der BFC-Spiele mit anschließendem Bericht abgestellt, erlebt er einen Zusammenhalt von Fans aus völlig verschiedenen Gruppierungen. Die Abnabelung von den Eltern – und damit auch vom Staat – setzt ein.

Titus: Also, mein Vater war Offizier beim MfS als Major und meine Mutter hat in der Verwaltung vom Magistrat gearbeitet. Beide in der Partei und stramm auf Linie, wie sich das gehört. Und das haben sie auch, zumindest eine Zeit lang, auf mich übertragen können. Also meine Jugend habe ich als strammer Kommunist verbracht, wurde dann Kfz-Schlosser beim Ministerium für Staatssicherheit. Das hatte den Vorteil, dass ich beim BFC gut an Karten ran kam. Hab dann manchmal auch dienstlich im Stadion gesessen. Also, von mir wird keiner einen Bericht über sich finden über sich selber. Außer meine eigenen Berichte über mich. Also, ich stand dort mit meinen Kumpels. Die wussten auch, also meine Kumpels wussten auch, dass ich da arbeite. Das war nie ein Problem, weil viele von meinen Freunden, kamen selber aus ‚m Staatssicherheits-Elternhaus. Also, mit der Staatssicherheit zu tun zu haben, war in unseren Kreisen keine Schande.

Frank Willmann: Die stärkste Provokation war mit Naziparolen die Staatsmacht herauszufordern. Deutlicher ging’s nicht. Wenn man es in der Kneipe gemacht hat, dann saß immer ein Spion in der Ecke, der Zuträger gewesen ist, der schnell dafür gesorgt hat, dass die entsprechende Person sehr schnell aus dem Verkehr gezogen wird. Ganz zu schweigen bei Brigadefeiern oder sonstigen Festivitäten. Das war im Fußball deswegen möglich, weil gerade bei Fußballspielen, die in der Dämmerung stattfanden oder auch im Dunkeln, da gab es so ein Flutlicht, aber das Flutlicht hat natürlich nicht die Zuschauerränge natürlich so bestreut, wie zum Beispiel das Spielfeld bestreut wurde vom Licht. Das heißt, da war es dann einfach möglich, in der Dunkelheit oder im Zwielicht, aus der Anonymität heraus in der Masse das zu brüllen.

Titus: Man muss sich da vorstellen: das Stadion vom BFC, damals der Jahn-Sport-Park. Da sitzt auf der einen Seite der Minister, mit seinem Hofstaat, zu dem mehr oder weniger auch mein Vater gehörte. Der war ja auch immer oben auf der Ehrentribüne. Ich habe als Kind ja auch immer auf der Ehrentribüne gesessen in Hohenschönhausen. Aber als Kind, was willst du denn da zwischen den ganzen alten Säcken. Und gegenüber vom Minister, auf der Gegengerade, da waren die bösen Kinder. Die missratenen Kinder. So. Und das wurde immer nationalistischer. Also, wenn andere sagen, sie wären die großen Widerstandskämpfer. „Die Mauer muss weg!“ habe ich zum ersten Mal beim BFC gehört. Als nämlich, der Gegner machte ’ne Mauer und wir kriegen ’nen Freistoß, gut, die Mauer muss weg, wird gerufen, aber hinter uns war ja die eigentliche Mauer.

Frank Willmann: Erstaunlicherweise kam’s da nie zu einer Massenflucht im grenznahen Stadiongebiet des BFC Dynamo. Der BFC hat sehr viele seiner Heimspiele im Jahn-Sport-Park ausgetragen, das ja genau an der Mauer liegt. Also Prenzlauer Berg grenzt an den Wedding. Die Mauer hat man vom Stadion aus nicht gesehen, weil da noch die Stadionbegrenzung sich befand, die aber gleichzeitig die „Hinterlandmauer“ gewesen ist und als „Hinterlandmauer“ genutzt wurde. Das heißt es gab also mehrere Sicherheitskräfte, die die Mauer geschützt haben, was der normale Fan und DDR Bürger nicht wusste, was sich aber nach Sichtung der Stasiakten ergab, war, dass bei bestimmten Spielen, zum Beispiel beim Europapokalspiel, BFC gegen Werder Bremen, sich sogar sämtliche Grenzaufklärer, die an den Berliner Grenztruppen zur Verfügung standen, sich im Bereich hinter der Mauer, der zwischen einem und acht Metern noch zur DDR gehörte, mit ihren Hunden versteckt hielten, weil das Gerücht umging, dass 1986 ein Grenzdurchbruch geplant wäre von Fans. Da heißt also, an diesem Tag war die Mauer durch viele Hunderte Grenztruppen, Grenzaufklärer, Freiwillige von der FDJ, SED und sonstigen öffentlichen Organen wurde die abgesichert. Man hatte riesig Angst gehabt, vor so ’ner Sache. Die letztendlich nicht stattfand. Leider.

Titus: Beim BFC warn Punks und Glatzen. Beides. Dann hat sich das so heraus geprägt, dass die eher Rechts orientierten zur Glatze neigten und die sich als Links, aber gegen SED, verstanden, ebenso als Punk durch die Gegend sprangen. Wie die Polizei darauf reagiert hat, das habe ich einmal mitbekommen, aus Versehen, sozusagen, mit ’nem Freund zusammen, der auch Punk war. Linksradikal. Sein Vater war übrigens einer der Chefs vom Grenzübergang Friedrichstraße, Hauptabteilung VI, das waren die Staatssicherheitsleute, die aber in Grenzeruniform dort standen, die Passangelegenheiten gemacht haben, der war ein Stalinist vor dem Herrn, also, übelst, dagegen war mein Vater basisdemokratisch. Mit dem wollte ich auf den Weihnachtsmarkt und da waren wir auf einmal umringt von zwanzig gelangweilten Polizisten, die dann auch anfingen, auf uns einzuhauen. Wir wussten gar nicht, wie uns geschieht. Ich kriegte dann mit, das war deshalb, weil da ein Punk war, ja. So und dann haben ’se uns dann in diese Polizeibaracken, die da am Rande des Weihnachtsmarktes immer warn, gesteckt. Und da mussten wir den Adler machen und da wurden wir dann getreten und gehauen und da war es das erste Mal, dass ich außerhalb einer normalen Fußballrangelei mit ‚m Gummiknüppel Bekanntschaft gemacht habe.

Sprecherin: Mit Beginn der achtziger Jahre entwickelt sich – von Großbritannien und der Bundesrepublik rüber schwappend – auch in der DDR eine Skinheadbewegung. Eindeutiger als im Westen ist in der DDR der Punk die Mutter der Motor der Skinheadbewegung. Beide Jugendströmungen begreifen sich als Avantgardebewegungen mit einem kulturellen und sozialen Sendungsbewusstsein. Beiden ist der DDR-Staat verhasst und die SED gilt ihnen als versteinerte und verlogene Partei. Im alltagskulturellen Selbstverständnis unterscheiden sich die beiden Gruppen diametral: Die eine lehnt weiterhin die spießige Normalität und die Arbeitsdisziplin ab, die andere hingegen bezieht sich positiv auf die sogenannten Sekundär-Tugenden. Etwa Mitte der achtziger Jahre „lösten die Skins die Punks als dominierende Jugendkultur in vielen Regionen und Städten der DDR ab“. xv

Sprecher: Der Rechtsextremismus war nicht, wie stets behauptet, nur ein Import aus der BRD. Es gab bereits früh eine große rechte Bewegung in der DDR. Der Skinhead-Überfall aus dem Jahr 1987 ist kein Einzelfall. Tatsächlich hat das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) schon seit vielen Jahren Meldungen über rechtsextreme Straftaten wie „Hakenkreuz-Schmierereien“ und „Schändungen jüdischer Friedhöfe“ registriert. Zwischen 1965 und 1980 erfasst das MfS insgesamt rund 2300 Vergehen mit „faschistischem und antisozialistischem“ Hintergrund. Die Dunkelziffer dürfte jedoch weit höher liegen. Spätestens gegen Ende der achtziger Jahre ist auch in der DDR vielen Fachleuten klar, dass die ideologische These von den Fremdeinflüssen nicht mehr zu halten ist. So kommt eine Arbeitsgruppe des Innenministeriums zu dem Schluss, dass „die Ursachen für die neofaschistischen Umtriebe in den gesellschaftlichen Problemen unseres Landes liegen.“ xvi

Sprecherin: Auf dem Wege direkter Übernahme aus dem Dritten Reich sind auch nationalsozialistische Redensarten und Witze in die Sprache der DDR Soldaten gelangt. Sie lassen sich bis in die 1980er Jahre hinein nachweisen. Von isolierten Gruppen werden Feiern zu Hitlers Geburtstag organisiert, auf denen Nazilieder gegrölt und nationalsozialistische Symbole verherrlicht werden.

Titus: Ja, da gab’s dann so Sprüche, also ich war jetzt nicht bei der NVA, ich habe meine Grundausbildung bei unserem Ministerium [für Staatssicherheit] und das war ja, was das Militärische betrifft, identisch mit der NVA. Ja, da hat man natürlich auch so Faxen gemacht, wir hatten solche groben Lederstiefel, und wenn die richtig poliert waren, da fing das schon an; „Das glänzt wie ’n Judenei! Das ist offensichtlich so ein Spruch, der ist direkt von der Wehrmacht in die NVA reinmarschiert. Dann gab’s diese extrem hässlichen preußischen Reiterhosen, die so komisch diese Ausbeulung haben. Ich habe mein Lebtag bei der Stasi kein Pferd gesehen, aber diese Stiefelhosen hatten wir. Und da wurde dann damit posiert und die Mützen wurden nass gemacht, eingerollt, in den Stiefel gesteckt über Nacht, damit sich so hoch biegen und nicht aussehen wie ’n Russenteller, sondern wie ‘ne Wehrmachtsmütze, so, und die Uniform war ja praktisch ’ne weiter entwickelte Wehrmachtsuniform und dann wurde dann manchmal, in der Freizeit, da rumgestiefelt und mal, na ja, Führergruß, ne. Aber natürlich durften die Vorgesetzten das nicht sehen. Beim Wachregiment Felix Dzierzynski gab’s da Vorfälle, auch mit Führergruß und Kameradschaftsabend.

Bernd Wagner: Ich hatte dann ja auch in meiner Eigenschaft als Kriminalpolizist Vorgesetzte, die mir unverhohlen ab 1988, als ich mich mit dem Thema beschäftigt hatte, 1987/88, mitgeteilt haben, dass die Juden das Unglück des Kommunismus sind und man hätte die alle ausrotten müssen…. Und das Ergebnis wäre die ganze Judenbagage innerhalb der SED und das sei zusagen völlig daneben, man hätte am Stalinismus festhalten müssen, kriegte ich dann zu hören, von einem ausgewachsenen sechzigjährigen Oberst, und von anderen ebenfalls. Da habe ich dann die Welt nicht mehr verstanden.

Sprecher: Erste sichtbare antijüdische Aktivitäten in der SED begannen im Jahr 1952/53, als die Sowjetunion und andere osteuropäische Staaten das entsprechende Signal gaben. Stichwort: Slansky-Prozess. Dieser Schauprozess gegen den tschechischen KP-Genrealsekretär und 13 weitere angebliche „zionistische Verschwörer“ endete im November 1952 mit elf Todesurteilen. Eine finanzielle Entschädigung an Israel wurde unter anderem mit dem zynischen Hinweis verweigert, mit der Ausrottung des Faschismus auf DDR-Staatsgebiet sei die größtmögliche Wiedergutmachung geleistet worden. Ulbricht hatte die Sache auf den Punkt gebracht, als er sich noch vor Gründung der DDR zur Entschädigung äußerte. „Kommt gar nicht infrage: Wir bauen hier unseren Staat, und da die Opfer des Faschismus die entscheidenden Träger dieses Staates sind, wäre es doch lächerlich, wenn sie sich selbst eine Wiedergutmachung zahlen wollten. Und die Juden? Nun, wir waren immer gegen den jüdischen Kapitalismus, genauso wie gegen die nichtjüdischen. Und wenn sie Hitler nicht enteignet hätte, so hätten wir es mit der Machtergreifung getan.“ xvii

Sprecherin: Als die Brandenburgische Landeshochschule Potsdam 1990 die ehemalige Juristische Hochschule des MfS übernimmt, finden sich an den Wänden der kasernenähnlichen Gebäude die typischen, bei allen Wehrdienstleistenden üblichen EK-Symbole, die von den Vorgesetzten stets als EK-Schmierereien abgetan wurden. Nicht einmal hier war es zu verhindern, dass sich die E-Bewegung ausbreitete und die EK’s ihre Zeichen deutlich sichtbar anbrachten. Auch an den Kacheln der Außenwand und am Turm der Potsdamer Heilandskirche von Sacrow, die jahrzehntelang ein Schattendasein geführt hatte, finden sich nach dem Ende der DDR Inschriften aus den unterschiedlichsten Zeiten. Besonders zahlreich sind die Inschriften von ehemaligen Angehörigen der Deutschen Grenzpolizei und der Grenztruppen der DDR. EK’s der unterschiedlichsten Jahrgänge hatten hier ihre Zeichen hinterlassen. Es sind Inschriften wie »Wir standen hier so manche Nacht / und keiner hat an uns gedacht. / Gefr. Horst Kurt Ueberfuhr Kamenz Sa. Bez. Dresden DGP den 15.1.58. « und »Dies ist mein Spandau, Wolfgang Kolbe, 22.9.62« und »Sacrow – Das Grab unserer Jugend« und »Adolf Hitler 13.4.64«. xviii

Jan: Entscheidend war natürlich auch, dass das Dritte Reich totgeschwiegen wurde, in der DDR. Und alles, was totgeschwiegen wird, da erkundigen sich sowieso die Leute, was da eigentlich los war. Weil in der Schulausbildung oder im Ausbildungsunterricht ist das nicht aufgetaucht. Da gab’s nur Russen, Russen, Russen – die rote Grütze konnte man nicht mehr ertragen. Die hast du jeden Tag gehört. Und ich glaube auch, daraus ist das entstanden, dieser wahnsinnige Wille nach Wissen nach diesem System damals und wie sich das alles zusammengesetzt hat und – keine Ahnung.

Musik Element of Crime Something Was Wrong

Sprecherin: November 1987, Oranienburg bei Berlin: Hier, am Ort des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen, wird eine Gruppe junger Faschisten festgenommen. Monatelang haben sie in Zügen, in Gaststätten, auf offener Straße Menschen überfallen und terrorisiert und dabei keinen Hehl aus ihrer Gesinnung gemacht. Bei den Verhafteten findet die Polizei faschistische Abzeichen und die Hakenkreuzfahne.

MUSIK Ende

Sprecherin: Dezember 1987, Berlin-Mitte: Vor dem Stadtbezirksgericht wird gegen vier Männer verhandelt, der jüngste siebzehn, der älteste dreiundzwanzig Jahre alt. Sie waren mit anderen Rechtsradikalen in die Zionskirche eingedrungen, um die „roten Punks aufzumischen, aufzuklatschen, aufzurauchen“. „Sieg Heil“ und „Juden raus aus deutschen Kirchen“ brüllend, haben sie feige und brutal junge Frauen und Männer zusammengeschlagen. Januar 1988, Berlin: Erneut stehen acht faschistische Gewalttäter vor Gericht, dieses Mal wird der Angriff auf die Konzertbesucher in der Zionskirche verhandelt.

Sprecher: In ihrem Kommentar vom 12./13. Dezember 1987 stellt die „Junge Welt“ die Neonazi-Schläger und die politische Opposition kurzerhand auf eine Stufe – damit hat sich das brisante Thema für die staatlichen Medien erledigt. Wie erwähnt kommentiert die Berliner „Wochenpost“ den Vorgang mit vorsichtigem Hinweis für das Versagen der vielgepriesenen antifaschistischen Erziehung in der DDR. Lediglich Kirchenzeitungen und Untergrundblätter der DDR – Opposition berichten weiter regelmäßig über Übergriffe von Skins und Hooligans sowie über antisemitische Vorkommnisse.

Frank Willmann: Das wurde zumindest nicht in den Medien thematisiert. Das ist erst 1987 passiert, nachdem es zu ersten Verurteilungen gekommen war, die also wirklich mit lächerlichen Haftstrafen, ich glaube teilweise sogar mit Bewährungsstrafen, weggekommen sind, die Haupttäter, da gab es einen riesigen Aufschrei, auch in der westlichen Medienlandschaft, und da ja 1987 also jeder über ein Radio- oder auch Fernsehgerät verfügte, hat sich unglaublich schnell im Osten ‚rumgesprochen, was da passiert ist.

Dirk Moldt: Und da hat dann Egon Krenz Erich Honecker einen Vorschlag vorgelegt, hat gesagt, der Staatsanwalt wird jetzt Revision einlegen. Er wird dagegen protestieren. Ich habe mich mit ihm noch mal unterhalten, es ist alles rechtlich und so, kannst das abnicken, und er [Honecker] hat gesagt, macht mal, also das übliche „einverstanden“ = E.H. Und dann wurde eben eine andere Parole ausgegeben, dann ging es wirklich gegen neonazistische Tendenzen. Und dann hat man die eben noch mal verurteilt, in der zweiten Instanz, zu härteren Strafen verurteilt.

Frank Willmann: Es gab da auch Bürgerbegehren, unter anderem von Daniela Dahn und diversen anderen Leuten, die dann quasi dem Generalstaatsanwalt der DDR angegangen sind und von ihm gefordert haben, dass da eine Revision eingelegt wird, was dann auch passierte. Aber erst auf Druck der DDR-Öffentlichkeit und westlicher Medien, gut, aber das zählt nicht, ist es dann zu einem wirklichen Gerichtsverfahren gekommen.

Sprecher: „Umweltblätter“ – Ausgabe vom 20. Januar 1988: ‚„Der 2. Instanz war ein Protest der Staatsanwaltschaft gegen das Urteil des Stadtbezirksgericht Mitte vorausgegangen, demzufolge die zu „milden Strafen“ aufgehoben wurden. Die Rechtsanwälte Puvalla und Kossek verwiesen auf eine Besonderheit: Der Protest der Staatsanwaltschaft richtete sich zugleich gegen Strafanträge der Staatsanwaltschaft. Staatsanwalt Boese konnte jedoch zahlreiche Proteste aus der Bevölkerung‘ anführen und erklären, dass es in der DDR keinerlei Nachsicht für diese Straftaten gibt. Die ‚Ausschreitungen‘ vor und an der Zionskirche wären zwar aus dem Westen beeinflusst, aber dies ist hier kein strafmildernder Grund‘. Im Urteil der 2. Instanz sind im Wesentlichen keine neuen Tatbestände herangezogen worden. Richter Ziegler bewertete die bereits in erster Instanz aufgenommenen Tatbestände jedoch in zwei Fällen als Verbrechen. Die besondere Schwere der Überfälle charakterisierte der Richter als „völlig neue Form der Kriminalität in der Hauptstadt“.

Sprecherin: Nur sehr langsam kommt Klarheit in die Finsternis dieses dunklen Abends vom 17. Oktober 1987. Sven Regener will nichts dramatisieren und gibt dazu nach dem Konzert bewusst keine Interviews dazu. Auch die Korrespondenten der Medien in der Bundesrepublik haben Mühe, den Dingen auf den Grund zu gehen. Egon Krenz – ZK Chef für Sicherheitsfragen – schlägt Honecker vor, das Urteil zu kassieren, zu verschärfen. Es kommt zu einem erneuten Prozess und ein zweites Urteil ergeht. Die Rädelsführer werden zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Man will Ruhe im Land. Aber es gibt keine Ruhe. Die wachen Leute kennen den unterschwelligen und auch alltäglichen Rechtsradikalismus in der DDR. Dieser faschistoide Trend soll nun nicht mehr totgeschwiegen werden. Ein Jahr nach dem Überfall auf die Besucher der Zionskirche wendet sich der Schriftsteller Rolf Schneider im Deutschlandfunk an die Hörer.

Rolf Schneider (Schriftsteller): Ich will anheben mit der Feststellung, dass Faschismus nicht nur ein soziales, sondern auch ein psychisches Phänomen ist. Zumal der deutsche Faschismus operiert mit einigen Eigenheiten, die sich der speziellen Geschichte unserer Nation verdanken und hernach zum massenpsychologischen Erbgut wurden. Die Liquidierung aller materiellen Ursachen der Hitlerei auf dem Territorium der späteren DDR war eine außerordentliche historische Tat. Die pädagogischen Bemühungen in der eben gleichen Richtung sind notorisch. Ausreichend, wie es sich nun erweist, waren sie nicht. Bei den Besuchen eines zur Gedenkstätte hergerichteten ehemaligen Konzentrationslager, die jedes DDR-Kind in seinem schulischen Leben wenigstens einmal absolvieren muss, und das ist gut so, häuften sich, je jünger die Jahrgänge wurden, Haltungen von Unverstand und unangemessener Heiterkeit. Informationsfilme über Nazigräuel wurden als kinematografischer Horror förmlich genossen. Dies alles wurde von den begleitenden Erwachsenen eher verdrängt als vermerkt. Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals zum grundsätzlich erörterten pädagogischen Problem geworden wäre. Als vor elf Jahren der Liedersänger Wolf Biermann aus der DDR ausgebürgert wurde, taten sich zwölf DDR-Autoren zusammen, um einen Protest zu verfassen. Einige von ihnen waren jüdischer Abkunft, andere trugen Namen, die sich als jüdisch qualifizieren ließen, worauf im Ordnungsapparat alsbald der Verdacht aufkam, dies sei eine jüdische Verschwörung wieder die DDR. Meine Kollegin Sarah Kirsch fand damals an ihrem Briefkasten antisemitische Sudeleien. Es wurde dies eines ihrer Anlässe, die DDR endgültig zu verlassen. Ich selber sah eines Mittags sämtliche Gehwegplatten vor meiner Gartentür mit Hakenkreuzen beschmiert. Ich alarmierte die Polizei. Man ersuchte mich, die Sache mit einem feuchten Lappen zu entfernen, eine weitere Reaktion gab es nicht. Das Faschismusbild der DDR-Geschichtsbücher vermag die Heranwachsenden offenbar nur noch ungenügend zu erreichen. Die ausführliche paramilitärische Ausbildung im Jugendalter, vom Wehrkundeunterricht der Allgemeinbildenden Schulen bis zu Geländespielen der staatlichen Jugendverbände – immer wieder ist davor gewarnt worden, von den Kirchen, auch von den nichtchristlichen Pazifisten – kultivieren zwangsläufig Tugenden wie körperliche Härte, unbedingten Gehorsam, Kampfgeist, Unduldsamkeit, Überlegenheitswillen. Sie tun es bei Altersstufen, denen ein Abwegen des geschichtlichen Bewusstseins nicht zur Verfügung steht. Mit den durchgeführten Prozessen sind die Verantwortlichen hoffentlich erwacht. Neofaschismus auf deutschem Boden ist kein Betriebsunfall, sondern eine öffentliche Schande.

MUSIK Element of Crime „This is the last dance“

Henry Leide: Ja, es ist so gewesen, dass keine individuelle Aufarbeitung in der DDR stattgefunden hat und auch gar nicht erwünscht war. Dadurch, dass gesagt wurde, dafür sind nur die Kapitalisten verantwortlich und denen haben wir die Existenzgrundlage durch die Verstaatlichung und die Bodenreform entzogen, wurde der Rest der Bevölkerung, die Arbeiterschaft, die aktiv den Nationalsozialismus unterstützt haben und auch erst ermöglicht haben, faktisch ja frei gesprochen. Das waren ja andere. Und die lebten ja in der Bundesrepublik. In der DDR gab’s das nicht mehr. So und jetzt sagte man diesen ehemaligen Nationalsozialisten: „Wenn ihr euch hier anstrengt und wenn ihr loyal zu uns steht und unserer neuen Ideen, zu unserem neuen Gesellschaftsmodell, dann passiert euch nichts!“ Und daran haben sich diese Leute einfach gehaltenen. Natürlich ist es in der Bundesrepublik so gewesen, dass diese personelle Altlasten, diesen grauen Kader hatte, und trotzdem ist die Bundesrepublik eine stabile Demokratie geworden, während die DDR, obwohl die Führungskräfte ausgewiesene Antifaschisten waren, in die nächste Diktatur rein marschiert ist und zwar mit Karacho.

 

          Endnoten             Interview zu Hass auf Heimat 
 

 

i Helmut Kohl (deutscher Bundeskanzler 1983-1998) Die Gnade der späten Geburt, von Helmut Kohl 1984 geäußert, ist ein Ausdruck der Erleichterung darüber, aufgrund des Alters im Nationalsozialismus nicht schuldig -weder Täter oder Mitläufer – geworden zu sein.

  Das Feature – Hass auf Heimat

 

ii die rechte Opposition der DDR…diese Einordnung gehörte zu den strittigsten Punkten der Recherche im Themengebiet des Features. Dies kam zum einen von der weit verbreiteten Vorstellung, Opposition gäbe es nur von links und sei allein von der Idee der Umwälzung einer ungerechten Gesellschaft in dine gerechte Gesellschaft getragen. Dass die Umwälzung der Gesellschaft zentraler Gedanke ist der rechtsextremistischen Ideenwelt, schien außen vor zu stehen. Diese Kontroverse kommt auch im Feature zu Tage, wie die rechte Oppostion ebenfalls im Feature ihre Definition findet.

 

Das Interview mit Sven Regener führte Marion Brasch für den RBB.

 

Die O-Töne von Ronny Busse stammen aus einem Prozessmitschnitt des Ministeriums für Staatssicherheit.

 

Vgl. Dr. Dirk Moldt, „Keine Konfrontation!“ Teil 1, in: http://www.horch-und-guck.info/hug/archiv/2000-2003/heft-40/04005-moldt/(eingesehen 9.10.2012)
„Henry Leide“ …Historiker, Mitarbeiter der BStU-Außenstelle Rostock.
Vgl. Moldt, Konfrontation, Teil 1
Ebenda.
„aus Gutachten der JHS des MfS“… Am 16. Februar 1965 wurde vom Präsidium des Ministerrates der DDR die bis dato Fachschule des Ministeriums für Staatssicherheit in Potsdam-Eiche, mit der Wirkung vom 1. März 1965an in den Status einer Hochschule für die juristische Ausbildung gehoben. Vgl. http://www.mfs-insider.de/SachbuchPDF/JHP1.pdf (Zugriff 28.11.2012).

„Frank Willmann“ …Fußball-Experte, Buchautor, Kolumnist (Der Tagesspiegel).

Vgl. Dr. Dirk Moldt, „Keine Konfrontation!“ Teil 2, in: http://www.horch-und-guck.info/hug/archiv/2000-2003/heft-40/04006-moldt-2/ (eingesehen 9.10.2012)

Quelle: http://www.bild.de/politik/inland/erich-honecker/wollte-hitler-im-krieg-dienen-18225752.bild.html (eingesehen 9.10.2012)

u.a. Quelle: http://diskussionen.die-fans.de/nordostfussball/12473-alte-und-neue-fanges%C3%A4nge/6.html (eingesehen 9.10.2012)

Gourmandio Magazin