„All das Getue, das Posieren, die Angeberei… Schreckliche Fratzen, die sich die Sektgläser an die Münder drücken und die Brillen zurechtrücken. Man sollte sie an den Krawatten zusammenbinden und allesamt in einen Schweinestall sperren.“

J.H.Pelz, „Am Ufer“, 1956, Öl auf Leinwand. (Foto: Pilzer)

Was nach Rachefantasien aus dem Munde eines gekränkten Bauern klingt, ist den Aufschrieben des Malers Jan Hendrik Pelz entnommen, die eine ganz normale Ausstellungseröffnung im Jahre 1961 in Stuttgart beschreiben. In den Pelz´schen Tagebüchern wimmelt es nur so von derartig derben Verbal-Eskalationen. Und der Schweinestall sollte es dann auch sein, der seiner Kunst entgegentritt und sie ablöst. Doch der Reihe nach.

Am Anfang der sonderbaren Geschichte steht ein Kunstfund, wie er im Buche steht: Exakt 234 Malereien, Zeichnungen und Skizzen findet ein Nachfahre des Künstlers vor einigen Jahren auf dem Dachboden seines Elternhauses in Heubach-Buch, einem Städtchen am Fuße der Schwäbische Alb. Unbeschädigt und in einem hervorragenden Zustand haben die Werke dort oben die Jahrzehnte überdauert. „Welche Überraschung! Wir haben immer geglaubt, dass der Großteil der Kunstwerke meines Urgroßvaters bei einem Brand im Jahr 1939 zerstört worden war. Nur durch Zufall sind wir bei Restaurierungsarbeiten des Dachstuhls auf die Bilder gestoßen.

Die Werke waren in vernagelten Holzkisten gelagert, die unter einem Haufen von Gerümpel zum Vorschein kamen.“ Die Gemälde zeugen von einem bewegten Leben: Sie erzählen von den bitteren Stellungskämpfen während dem Ersten Weltkrieg, vom Leben in den Städten der Zwanziger Jahre, von den Musen und Gönnern, die Pelz sein Künstlerleben ermöglichten. Penibel und detailreich sind vergangene Szenen in Öl festgehalten und erzählen die Geschichte eines Malers, der im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten ist. Am 14.12.1915 schreibt Pelz in sein Tagebuch: „Ich werde noch verrückt werden in dieser sinnlosen Schlacht. Meine Welt zerfällt, verbrennt, stirbt. Es riecht nach Tod und Untergang, nach Schlamm und Senfgas. Wie kann man hier in Farben denken? Die Kunst stirbt da draußen, auf dem Schlachtfeld!“ Schon hier ahnt der traumatisierte Maler das Ende seiner Kunst, das er in anderer Form viel später noch beschließen wird. Denn immer wieder hadert er mit sich selbst, mit seinen Bildern, mit der Welt an sich. „Was wäre, wenn man nicht die Bilder, sondern die Kunst selbst an den Nagel hängen würde? Vielleicht eine Rettung, eine Erlösung… Die Kunst hält mich gefangen, so groß das Gefühl von Freiheit auch sein mag, das sie einem vorgaukelt. Letztendlich sind wir alle ihre Opfer. Sie hält uns in einem engen Käfig gefangen, benebelt uns die Sinne mit rasch verdampftender Selbstbeweihräucherung, gibt uns armseligen Teufeln Momente der Täuschung, in denen wir glauben, alles würde einen Sinn machen.“ Diesen Satz schreibt der desillusionierte und kriegsverwundete Maler 1944.

Als ein Jahr später sein Atelier niederbrennt, als Stuttgart 1945 von den Alliierten bombardiert wird, ist die Kunst vorerst für Pelz im Bombenhagel gestorben. „Niemals wieder Künstler sein! Verbrennt all den ganzen Schund! Reißt die Museen nieder! Von welcher Welt sollten wir auch erzählen? Alles ist Asche, alles ist tot. Vielleicht steigt ein Phoenix auf und erfindet eine neue Welt, das mag der Kreilauf der Zeit sein, das Wiederkommen, die Neubelebung. Aber mir mag es egal sein, für uns gibt es nichts mehr zu erzählen. Wir sind stumm, farblos und sinnbefreit. Die Kunst ist doch nur eine Ausrede für das Scheitern der Menschlichkeit.“ So niedergeschlagen schreibt Pelz zwei Tage nach dem Brand noch in sein Tagebuch, dann folgen lange Zeit keine Einträge mehr. Doch der Neuanfang, von dem die Rede war, setzt sich trotz aller düsterer Prognosen durch. Wenige Jahre später, im Deutschland der Nachkriegszeit, findet der sensible Maler ein letztes mal zur Kunst. Inzwischen lebt er in einer kleinen Wohnung im Stuttgarter Westen, die von den Bombennächten verschont geblieben war. Am ersten August 1947 steht in den Pelz´schen Tagebüchern geschrieben: „Heute ganz beflügelt von meiner Lieben. Sie kann so zärtlich sein. Ich sollte sie malen. Aber keine Farbe der Welt würde ihr gerecht werden.“ Wer die Geliebte war, bleibt unbekannt. Doch die Lust zur Malerei scheint in den mit schwarzer Tusche geschriebenen Sätzen immer wieder durch, bis im Februar 1948 endgültig der Groschen fällt: „Heute wieder gemalt. Noch etwas zittrig liegt der Pinsel in der Hand, noch etwas grob bleibt der Strich, doch schon sehe ich Formen und Farben vor meinen Augen wachsen, allesamt gierig darauf, in die Welt zukommen. Waldheimer hat mir Farben geschenkt. 12 Pfennig hätte alleine das Grün gekostet, Gott vergelt´s dem Mann.“ Wer der edle Förderer war, bleibt ebenso unbekannt, doch bringt der Neuanfang eine vollkommen andersartige Bildsprache zutage.

Pelz entwickelt nach und nach, freilich auch beeinflusst durch die Kollegen und unter Einfluss der kommenden Abstraktion, ein weiteres Mal eine ganz eigene, wirkungsmächtige Bildsprache. Immer freizügiger lässt er die von ihm erdachten Figuren in einer an fotografische Unschärfe erinnernden farblichen Auflösung verschwimmen, immer lockerer wird sein Pinselduktus. „Nur noch die Farben sind wichtig“, schreibt er, „Alle Geschichten sind doch erzählt. Aber die Farbe berührt uns im Innersten, das ist ewig gültig. Kein Umbruch der Welt wird diese Tatsache jemals ändern!“ Doch Pelz kann an den Erfolg der Vergangenheit nicht mehr anknüpfen. Es fehlt an allen Ecken und Enden. „Wieder nichts verkauft, obwohl der Kerl doch Geld wie Heu hat. Steht vor den Bildern und macht sich ein Vergnügen, mir von seiner Frau zu erzählen. Soll ich mir denn noch die Haare vom Kopf fressen? Die letzten Bilder sehen wie Grisaillen aus, nur weil die Farben fehlen. Wie soll ein Mensch das aushalten?“ Seine ehemaligen Förderer kehren ihm nach und nach den Rücken, zu groß ist das Bedürfniss nach einem Neuanfang auch bei den Sammlern. Deutsche Kunst ist verdächtig, die Künstler von damals stehen unter Generalverdacht und wirken eingestaubt und altmodisch. Der sich langsam regenerierende Markt giert nach amerikanischer Malerei, die Abstraktion setzt sich durch. Was damals in Europa noch als exotisch galt, war schwer angesagt.

Gegen Ende der Fünfziger Jahre kann sich der Maler die durch den Aufschwung im Preis gestiegene Wohnung in Stuttgart nicht mehr leisten und zieht aufs Land. In Rudersberg-Zumhof im Rems-Murr-Kreis findet er ein altes Bauernhaus, das er bis zu seinem Tod im Jahre 1984 bewohnen wird. „Die Ruhe hier ist Balsam für meine Nerven. Nichts als Schwalbenrufe stören die Abendstille, und die klingen wie Gedichte in meinen Ohren“ schwärmt er eine Woche nach seinem Umzug. Doch durch die Abkehr vom Urbanen untermauert Pelz die Grenze zwischen sich und der Kunstwelt noch mehr. „Keinen Kontakt mehr zu diesen (…) Gestalten. Sollen mir gestohlen bleiben“ notiert er verbittert auf einer Tagebuchseite. Immer wütender registriert er Anfang der Sechziger Jahre die Erfolge der Konkurrenz, immer seltener nimmt er selbst den Pinsel in die Hand. „Als ob es um etwas anderes als Zaster gehen würde!“ schreibt er über die neuen Kollegen, und: „Für die frischen Wohnzimmer ist der Ramsch gerade gut genug.“

Seinen Lebensunterhalt finanziert Pelz inzwischen fast ausschließlich mit der Zucht von Schweinen. Anfangs malte er die Tiere noch ab und an, ließ jedoch bald auch hiervon ab. Die letzten 25 Jahre habe er kein einziges Bild mehr gemalt, berichtet Denzler, der im Zuge der Ausstellungsvorbereitungen auch ausgiebige Forschungen über das Leben des Künstlers angestellt hat. „Er entwickelte eine Art wütende Ablehnung gegen den Kunstmarkt und seine Kontrahenten, gegen die Manieren der Künstler und die Gebärden der Galeristen. Letztendlich lehnte er gegen Ende die Kunst an und für sich ab.“ Auch die Tagebucheinträge ändern sich. Ab 1964 nehmen die Schweine eine immer dominantere, thematische Position ein. Es geht zunehmend um Zuchterfolge, um Verkäufe auf dem Bauernmarkt im nahe gelegenen Schorndorf, sogar um die unterschiedlichen Charaktere der Tiere. „Anna ist besorgt, sobald ich den Stall betrete. Beißt ihr eigenes Ferkel.

Später kommt sie mir grunzend entgegen, wie zur Versöhnung.“ schreibt er 1971. Es folgen penible Aufzeichnungen über unterschiedliche Schweinerassen und ihre Merkmale. Von Angler Sattelschweinen, bunten Bentheimern und Schwertfurter Fleischrassen ist da die Rede. Jeder im Dorf nannte ihn nur noch den „Schweinekünstler“. Den Schweinestall hat Pelz direkt an das Wohnhaus angebaut. Er war regelrecht besessen von den Schweinen, meint Denzler. „Die letzten Jahre seines Lebens lebte er zurückgezogen und einsiedlerisch zusammen mit den Tieren. Nachbarn schilderten, dass er seltsame Marrotten an den Tag legte, laut zu den Schweinen sprach und im Dorf den Wunsch äußerte, im Falle seines Todes hinter dem Schweinestall begraben zu werden.“ Letztendlich erfüllte man ihm diesen Wunsch beinahe. Im Februar 1984 beerdigte man Pelz auf einer Wiese vor seinem Privathaus.

Die Dorfbewohner hatten sich dafür eingesetzt und die Bestattung durchgeführt. Eine derartige Privat-Beisetzung war gesetzlich nicht erlaubt und so kam es in den folgenden Jahren wiederholt zu amtlichen Aufforderungen, den Leichnahm auf den Rudersberger Friedhof umzubetten. Doch die Überführung verzögerte sich immer wieder, nicht zuletzt durch den Ausnahmewinter 1985, der eine Graböffnung unmöglich machte. Im Frühjahr 1986 zeigte sich ein Personalwechsel im zuständigen Amt für eine weitere Verzögerung verantwortlich, bis der Fall schließlich für einige Zeit in den Akten verschwand und vergessen wurde. Eine letzte Mahnung erreichte die Nachfahren von Pelz 1989, mit der dringenden Mahnung, die Exhuminierung so bald wie möglich durchzuführen, ansonsten sehe man sich gezwungen, eine amtliche Zwangsumbettung der sterblichen Überreste zu beantragen. Hiernach folgten keine weiteren Schreiben mehr und der Fall verjährte.

Pelz fand seine ewige Ruhe fast so, wie er sie sich immer gewünscht hatte, direkt neben seinem geliebten Heim. 2016 wurde das historische Bauernhaus, ganz im Sinne des Künstlers, in einen Kunstraum umgebaut, hinter dem der gemeinnützige Verein „Kunstraum Zumhof e.V.“ mit etwa 40 Mitgliedern steht. Das Ziel des Vereins sei, das Gedenken an den Künstler zu bewahren sowie die „Förderung von Kunst und Kultur in Rudersberg durch die Durchführung und die Förderung kultureller Veranstaltungen und die Förderung von Veranstaltungen zum kulturellen Austausch“. So mischt sich das Publikum der Konzerte, Ausstellungen und Lesungen mit Besuchern, die die Grabstätte des Künstler besuchen, um einige Blumen niederzulegen. Und im Inneren des liebevoll restaurierten Hauses blickt Pelz den Kunstliebhabern noch immer entgegen, mit rätselhaftem Blick als ewiger Protagonist seinerselbst aus den dunklen Augen eines Selbstportraits. Als einer der letzten, fast vergessenen Baumeistern der Moderne.

Jan Hendrik Pelz.

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