August 1961 – in die scheinbar friedvolle Sommeridylle im Vogtländischen dringen beunruhigende Nachrichten aus Berlin. Erst platzt deshalb die Geburtstagsrunde für die Mutter, bald gerät der Familienfrieden ins Wanken … Aus der Perspektive des Kindes erzählt der Autor Utz Rachowski vom Beginn des Mauerbaus im August 1961. Ein Sonntag im August. Die Mutter hat Geburtstag. Der Sohn läuft am Morgen in die Küche, um ihr sein Geschenk zu bringen. Doch da sitzen alle schweigend um den Tisch: die Großmutter, Onkel und Tanten, die Eltern. Aus dem Radio hört man immer wieder den Namen „Berlin“ …

In seiner Erzählung taucht Utz Rachowski tief ein in die eigene Familiengeschichte, die zum Spiegel deutscher Zeitgeschichte wird: Aus der Perspektive des Kindes erzählt der Autor von seinen Erinnerungen an jene Augusttage des Jahres 1961, als die Mauer in Berlin gebaut wurde. Früh steht er auf, um mit seiner Großmutter im nahen Wald Heidelbeeren für den Geburtstagskuchen zu suchen, in den Speichen des Fahrrades sitzt ein blauer Nachfalter, den er einfängt. In die traumgleichen Schilderungen scheinbar unverfänglicher Kindheitserlebnisse im Vogtländischen mischt Utz Rachowski die Geschichten aus der Erwachsenenwelt – und die handeln vom Krieg und der eigenen Rolle darin.

Fast beiläufig werden sie erzählt: Onkel Rudi und Tante Margarethe kommen im weißen Sportcoupé aus Leipzig angereist, dort nennen sie einen Friseursalon ihr eigen, „irgendwie und irgendwoher“ verdanken sie ihren Reichtum den Säcken mit „europäischem Menschenhaar“, „einer Beute“, die Onkel Rudi aus dem Krieg mit nach Hause brachte. Der Vater, hört er, wollte nicht aufs Gymnasium, weil sie da so komische Mützen trugen, aber später – so wirft ihm Großmutter im Streit am Küchentisch vor – geht er zur SS, um nicht mehr als Polacke, sondern als Deutscher zu gelten: „Dann hast du das Land überfallen, in dem du geboren wurdest, und später noch ein paar andere.“

Während Onkel Rudi und Tante Margarethe bald aus der Geburtstagsrunde aufbrechen, um es vielleicht doch noch in den Westen zu schaffen, wird es am Küchentisch unerbittlich, als die Großmutter ihren Sohn, der bei der DDR-Kampfgruppe ist, anschreit: “ … und jetzt bist du wieder dabei.“ Das Kind, das diese Geburtstagsrunden nicht mag, versteht nicht viel von den Erwachsenengeschichten und glaubt am Ende, es sei vielleicht Schuld an allem, weil es den blauen Nachtfalter, „die Schönheit selbst“, in eine Holzkiste sperrte.

Kritiker meinen, es wäre nicht Ehrenrühriges daran, Utz Rachowski als Heimatdichter zu bezeichnen, denn seine Geschichten, die in der eigenen Erfahrungs- und Erlebniswelt im Berlin wurzeln, berühren universelle Fragen. Der Schriftsteller Hans Sahl, der einst vor den Nazis in die USA emigrierte, formulierte es so: „Utz Rachowski hat die Fähigkeit, in der Idylle auch das Unheil, das ihr droht, anzudeuten, den Krieg im Frieden.“

Wie bleibt man Mensch?
Und das liegt vermutlich auch daran, dass er ein Autor ist, „der die Konflikte der Zeit am eigenen Leib erfahren hat und sich nicht abschrecken lässt, ein Deutsch zu schreiben, das an die beste Tradition deutscher Prosa anknüpft.“ (Hans Sahl). 1986 erschien mit der Erzählung „Der letzte Tag der Kindheit“ sein Debüt im Berliner Oberbaum Verlag. Da lagen schon bald zwei Jahre Haft und die Ausbürgerung aus der DDR hinter ihm.

In Plauen im Vogtland wurde Utz Rachowski am 23. Januar 1954 geboren. In Reichenbach ging er zur Schule und lernte dort Jürgen Fuchs kennen. Beide verband bis zum Tod des Schriftstellers 1999 eine enge Freundschaft. Wegen der Gründung eines Philosophie-Clubs verwies man Utz Rachowski von der Oberschule und schloss ihn aus der Organisation „Freie Deutsche Jugend“ (FDJ) aus. Rachowski wurde Bahnarbeiter, absolvierte eine Elektrikerlehre, machte 1977 das Abitur und studierte in Leipzig zwei Semester Medizin. Danach arbeitete er ein Jahr lang als Heizer und schrieb in der verbleibenden Zeit.

Wegen „staatsfeindlicher Hetze“, der Vervielfältigung und Verbreitung von Texten von Jürgen Fuchs, Wolf Biermann, Reiner Kunze und seiner eigenen, wurde Utz Rachowski 1979 verhaftet und zu 27 Monaten Gefängnis verurteilt. Nach Intervention von Reiner Kunze und Amnesty International wurde Rachowski 1980 entlassen und in die Bundesrepublik ausgebürgert. Er studierte in West-Berlin und Göttingen Kunstgeschichte und Philosophie. 1983 erschien sein Debüt „Der letzte Tag der Kindheit“ im Berliner Oberbaum Verlag. Immer wieder macht der Autor fortan die Kindheit zum Ausgangspunkt seiner Prosa, die verheißungs- und geheimnisvoll daherkommt und von Großmüttern bewacht wird. Seine Texte über Verfolgung und Haft führen dagegen die Einsamkeit des „Ausgestoßenen“ und das Ausgeliefertsein vor Augen. Letztlich verhandelt er die Frage: Wie bleibt man Mensch?

Nach dem Mauerfall baute Utz Rachowski unter anderem die Dresdner Literaturzeitschrift „Ostragehege“ mit auf und schrieb sieben Jahre für sie. Auf Utz Rachowski geht auch die Gründung der Jürgen-Fuchs-Bibliothek in Reichenbach zurück. Neben einem Alfred-Döblin-Stipendium erhielt er den Andreas-Gryphius- und den Eduard-Mörike-Förderpreis sowie den Reiner-Kunze-Preis. Seit 2003 arbeitet Rachowski als Bürger- und Rechtsberater im Auftrag des Sächsischen Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes.

http://www.rachowski.de/

Broschiert: 130 Seiten

Verlag: Leipziger Literaturverlag; Auflage: 1 (3. März 2011)

ISBN-10: 3866601212

468 ad