Eröffnung und Buchpräsentation am 20.01.2012, ab 19.00 Uhr
Ausstellungsort: Kunstverein Peschkenhaus, Meerstr.1, 47441 MoersDer Kunstverein Peschkenhaus widmet dem Berliner Maler Roger Wardin eine große Einzelausstellung, die 32 Werke umfassen wird. Die Ausstellung läuft bis zum 11.03.2012. Zur Ausstellung erscheint ein Buch im Kerber Verlag. Zur Einführung spricht Dr. Peter Funken.

Absent without leave! – Eigenmächtig abwesend
Zu aktuellen Arbeiten von Roger Wardin

Christopher Wool veröffentlicht 1993 seine Sammlung flüchtig aufgenommener, teils un-scharfer s/w-Fotografien. In ihnen hält er abseitige Orte und Situationen fest, die ihm auf seinen Reisen begegnen. Fotografische Dokumente unbedeutender Details, an denen er später jedoch gewissenhaft Kompositionen und Strukturen studiert. Titel: Absent without leave! – Eigenmächtig abwesend: Dies lässt sich auch zum Leitmotiv der Malerei von Roger Wardin erklären und überschreibt vielfach erkannte Tendenzen von Auflösung, Versprengung und Zerfließen in seiner Malerei.

In aktuellen Arbeiten gelangt Wardin über die Vereinfachung des Bildaufbaus und in der wiederholten Variation einer Bildanlage zu einer konzentrierten Untersuchung von Bildraum und Materialität. Die bloße Verortung der Bildelemente vermittelt zumeist den Eindruck einer aufgelösten Landschaft; eine perspektivische Anordnung kann nicht eindeutig ausgemacht werden und dennoch steht die Komposition sicher. War für frühere Werke ein konkretes Bildmotiv Ausgang der Konzeption, wird dieses nun oftmals für die Umsetzung einer Bildidee obsolet. In den Arbeiten von 2006 bis 2009/2010 sind es häufig ruinöse Gebäude oder vereinzelte Baumgruppen in scheinbar verlassenen Gegenden, die in die eigene Bildsprache überführt wurden. Ihr eigen ist eine reduzierte, vielfach gebrochene Farbpalette, die in ver-schiedenen Schichten und Lasuren aufgetragen und nicht selten aufgerissen oder gar wieder weggenommen wird. Die in gleißendes Licht getauchten Szenerien schaffen atmosphärisch aufgeladene Zwischenwelten, von denen eine erstaunliche Irritation und Anziehung gleicher-maßen ausgeht.

Aspekte, wie der Einsatz von Licht und gebrochener Farben sowie eine gewisse Ästhetik des Zerfalls charakterisieren auch aktuelle Arbeiten Wardins. Die Autonomie der Farbe bestimmt den Bildraum, wird vielmehr zum Farbraum. Durch einen pastosen, vielschichtigen Farb-auftrag und der Verwendung anderer Stoffe, wie Aluminiumfolie, besitzen die Arbeiten eine zusätzliche Dimension, gewinnen an Struktur und erreichen physische Qualitäten. Dennoch scheint das Prinzip der Bildfindung „Reduktion“ zu lauten: Tatsächlich wird die sprichwörtliche Auslöschung von Formen und Linien zum zentralen bildnerischen Mittel. Die vielfachen Über-lagerungen und (Zer-) Störungen in der Bildwelt der früheren Arbeiten erscheinen in der jetzigen Konzentration auf die Bestimmung eines spezifischen Farbraumes geerdet, ja sogar beherrscht. Roger Wardin erfährt im Einlassen auf den prozessualen Charakter der Bild-findung, dass dem Medium Malerei immanente Potential von Komposition und Farbe. In der Betrachtung dieser Entwicklung kann man zu der Aussage gelangen, dass sich die Malerei von Roger Wardin in einem Übergang zur Abstraktion befindet, ja allenfalls zu einer Öffnung im Einsatz der bildnerischen Mittel führt – der Verlauf dieser neuen Richtung ist zu diesem Zeitpunkt unbestimmt – dies bleibt mit Spannung zu erwarten.

In dieser Arbeitsweise ist Roger Wardin übrigens dem eigens erwähnten Künstler Christopher Wool nicht unähnlich. Beide nutzen Techniken der Reduktion und Destruktion, wie bspw. den experimentellen Farbauftrag, das Übereinandertragen und Wiederauslöschen von Farbschich-ten, das Verkehren des Positivs ins Negativ, das gesteigerte Interesse an der Komposition im Allgemeinen und den bewussten Einsatz von Ornamenten und Strukturen, die alltäglichen Zusammenhängen entnommen wurden – Wardin überträgt dies souverän in den eigenen Bild-kosmos.

Die Frage, ob dieser Arbeitsweise auch ein verändertes Selbstverständnis als Maler zugrunde liegt oder vielmehr von Weiterentwicklung und Konkretisierung gesprochen werden kann, vermag nur ein umfangreicher Blick auf seine Arbeiten zu klären. Eine Ausstellung, in der aktuelle Arbeiten und Werke der vergangenen fünf Jahre vereint werden, ermöglicht Einblick und Erkenntnis. Eine Zusammenführung und Auswahl von groß- und kleinformatigen Lein-wänden sowie einige seiner plastischen Arbeiten werden sich diesen Fragen stellen und sicher neue aufwerfen. Für diese Betrachtung sei noch einmal Christopher Wool auf den Weg gegeben: „Abstrakten Bildern wohnt ein Paradox inne: Es geht um Kommunikation – und gleichzeitig um ihre Unmöglichkeit.“

von Jana Sperling (September 2011)

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