Wer von der Geschichte der inneren Sicherheit der USA erzählt oder überhaupt von den sie prägendsten Figuren des 20. Jahrhunderts, kommt an J. Edgar Hoover nicht vorbei. Er baute das FBI zur schlagkräftigen Bundespolizei auf, leitete es von 1924 bis 1972, verfolgte Kriminelle und mutmaßliche Staatsfeinde mit bedingungsloser Härte und besaß belastende Geheimakten über halb Washington.

Doch dieser bedingungslose Machtmensch, dieser Machiavelli der Sicherheitsbehörden, war einsam. Hoover heiratete nie. Seine wichtigsten Bezugsmenschen neben seiner dominanten Mutter (Judi Dench) waren seine Sekretärin (Naomi Watts) und seine rechte Hand Clyde Tolson ( Armie Hammer). Mit ihm verband Hoover zeitlebens eine – vermutlich unausgesprochene – Liebe.

Hoovers Homosexualität wird nicht ausgebeutet

Biopics über Politiker sind schwierig. Bei Musikern kann man ihren Charakter in ihrer Musik spiegeln (Walk The Line), bei Sportlern in ihren Wettkämpfen (Ali). Bei Politikern geht das nicht. Auch J. Edgar besteht darum zu 80 Prozent aus Szenen, in denen sich Männer in Anzügen in geschlossenen Räumen unterhalten. In den übrigen 20 unterhalten sie sich draußen, oder eine Frau gesellt sich dazu.

Damit es nicht allzu langweilig wird, hat Drehbuchautor Dustin Lance Black ( Milk) Hoovers Geschichte zeitlich verschachtelt. J. Edgar wirkt darum nicht ganz so schlicht, wie er im Grunde ist. Der Kern ist einfach: Einer der mächtigsten und gefürchtetsten Männer der USA war privat unglücklich – und schwul.

Ein anderer Regisseur als Clint Eastwood hätte Hoovers Homosexualität wohl entweder verschwiegen oder ausgebeutet. Eastwood begegnet dem Thema wohltuend nüchtern. Ein einziges Mal wird Tolson aus der Haut fahren, ein einziges Mal wird Hoover weinend vor dem Spiegel zusammenbrechen. Das muss genügen.

DiCaprio spielt den FBI-Gründer durchaus oscarreif, wenn auch nicht so überzeugend wie Howard Hughes in Aviator. Zudem steckt er über weite Teile des Films in einer der steifsten Gesichtsmasken, die man seit Der Elefantenmensch gesehen hat: DiCaprio und Hammer sehen alten Männern zwar täuschend ähnlich, büßen dabei allerdings leider ihre gesamte Mimik ein.

So bleibt am Ende ein zwiespältiges Filmerlebnis: Gute Schauspieler spielen für einen guten Regisseur die gut geschriebene Geschichte eines wichtigen Mannes. Trotzdem will der Funke nicht überspringen. Diesen J. Edgar Hoover fürchtet man einfach nicht und lieben kann man ihn schon gar nicht. Man hat Mitleid mit ihm. Und dieses Gefühl sucht man eigentlich nicht Kino. Schon gar nicht bei einem Machiavelli.

Titel: J. Edgar
Regie: Clint Eastwood
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Armie Hammer, Naomi Watts, Judi Dench
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Länge: 137 Minuten
Verleih: Warner Bros.
Kinostart: 19. Januar 2012

Quelle:
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