Frau Buchta, wie muss ich mir den klassischen Buchladen in China vorstellen?

Genauso wie den klassischen Buchladen hier. Man muss natürlich unterscheiden zwischen Stadt und Land. In den Großstädten haben sie ebensolche Buchkaufhäuser wie hier. Daneben gibt es auch kleine Buchhandlungen mit Café, wo auch Veranstaltungen stattfinden. Auf dem Land ist das natürlich ein weniganders, da sind die Buchhandlungen etwas überschaubarer.

Und wie sieht das Sortiment aus?

Ich sehe jetzt gerade zwei solcher Riesenbuchhandlungen in Peking vor mir, da haben Sie im Erdgeschoss erst einmal die neuen Titel, häufig finden Sie dort auch Sachen zu Politik, Wirtschaft, Recht. In der ersten Etage ist dann in der Regel Belletristik, in der nächsten Etage Fremdsprachen, Schulbücher, ganz oben finden Sie meist die Naturwissenschaften. Fachbuchhandlungen gibt es auch.

Durch die Berichterstattung der letzten Zeit wird ja manchmal der Eindruck erweckt, China bestünde eigentlich nur aus Zensur. Wenn Sie das so erzählen, scheint es ja aber doch so, als könne man auch in diesem Land sehr viel lesen.

Gewusst wo und wie, würde ich sagen. Offiziell gibt es so etwas wie Zensur nicht. Oftmals erlegen sich die Verlage aber auch so etwas wie Selbstzensur auf, denn natürlich sind sie an einem guten Geschäft interessiert und wenn der Titel später durchfällt, ist das für den Verlag natürlich negativ. Man kann aber auch ganz schwer beurteilen, wie zensiert wird. Es gibt Titel, die nicht zensiert werden und andere, die ähnliche Themen haben, die sofort vom Markt genommen werden.

Das heißt, es lässt sich kein System erkennen?

Wahrscheinlich gibt es eines, aber ich kann keines erkennen. Natürlich werden Bücher zu Menschenrechtsfragen oder über Tibet nicht publiziert. Es wird immer gesagt: Was die Stabilität und Einheit Chinas gefährdet, darf nicht erscheinen. Auf der einen Seite gibt es da die offiziellen Verlage, inzwischen aber gibt es auch sehr viele inoffizielle Verlage, die nennen sich dann Kulturagenturen. Das Problem ist, dass die keine ISBN bekommen. Das heißt, sie müssen bei den offiziellen Verlagen eine erwerben und ein Titel, der einem offiziellen Verlag vielleicht zu heikel ist, erscheint dann zwar dort, das Risiko aber trägt der inoffizielle Verlag. Und dann gibt es auch noch Hinterhofverlage, bei denen keiner weiß, mit welcher Auflage die Sachen herausgeben. Vieles kursiert auch im Internet, dort gibt es unwahrscheinlich viele Titel, die offiziell nicht erscheinen. Und wenn eine Seite verboten ist, tauchen sie kurze Zeit später an anderer Stelle wieder auf.

Können Sie einschätzen, wie groß der chinesische Buchmarkt ist?

Ich habe gerade vorhin die Zahl gelesen, dass es pro Jahr etwa 91.000 Neuerscheinungen gibt. Und man kann vielleicht sagen, dass 25 Prozent der Chinesen Vielleser sind, wobei man auch sehen muss, dass etwa zehn Prozent Analphabeten sind. Viele Chinesen sind hingegen beruflich so eingespannt, dass sie gar keine Zeit zum Lesen finden, andere wiederum lesen für die eigene Fortbildung. Das ist derzeit ein Trend, dass sich die Chinesen privat aus- und weiterbilden und das ist auch die erste Gruppe von Titeln, die verkauft wird. Belletristik kommt erst ziemlich weit hinten.

Wie sieht denn chinesische Belletristik aus? Gibt es eine Eigenart, durch die sie sich etwa von der deutschen unterscheidet?

Was uns vielleicht anders erscheint, ist oftmals eine Fülle von Personen, die für uns unüberschaubar wirkt, und eine Fülle von Erzählsträngen, auch solche, bei denen wir denken, sie seien völlig unbedeutend. Aber thematisch findet man alles, was man hier findet in der modernen Literatur.

Man findet im Zusammenhang mit chinesischer Literatur immer wieder den Begriff Bauernliteratur. Was hat es damit auf sich?

Der kommt daher, dass viele Autoren das Landleben thematisieren. Das liegt aber auch daran, dass so etwas wie Metropolen erst in den 1990er Jahren entstanden sind und damit auch bestimmte Phänomene wie Landflucht oder Urbanisierung. Bei den jungen Autoren aber, die in den 1970er oder 1980er Jahren geboren worden sind, findet man doch eher so etwas wie Stadtliteratur.

Gibt es denn für die Beschäftigung mit chinesischer Literatur so etwas wie einen empfehlenswerten Einstieg?

Ein Buch ist jetzt gerade zur Buchmesse erschienen, das heißt Unterwegs – Literatur-Gegenwart China. Es beinhaltet Geschichten, die Anfang der 2000er erschienen sind. Dann gibt es auch ältere Sammlungen wie China erzählt bei Fischer oder Das Leben ist jetzt bei Suhrkamp.

Und gibt es Autoren, die Sie empfehlen können oder wollen?

Nun, nicht alles, was ich persönlich gerne lesen, liest jemand anders auch gerne, aber ich mag zum Beispiel Yu Hua, dann auch Liu Zhenyun, Bi Feiyu oder Mo Yan.

Und wie sieht es in China selbst mit ausländischen Autoren aus? Wer wird dort gelesen und wonach richten sich die Leser dort? Danach, was anderswo ein Bestseller ist?

Ja und nein. Deutsche Literatur beispielsweise geht nicht so gut, die gilt meist als zu analytisch, zu problemorientiert. Wobei Sie etwa Daniel Kehlmann oder Judith Hermann auch in Übersetzungen finden und die sich auch ganz gut verkaufen. Und Klassiker werden sehr gerne gelesen. Aus dem Amerikanischen oder Englischen finden Sie hingegen eine große Vielfalt an übersetzten Titeln. Dan Brown etwa lag, lange bevor es in Deutschland erschien, schon in China auf den Ladentischen.

Wie sind denn Autoren in China organisiert? Gibt es einen Schriftstellerverband?

Ja, den gibt es, der wurde 1949 gegründet. Viele Autoren sind dort Mitglied, weil sie darüber auch Zuschüsse beziehen. Das heißt aber nicht, dass jeder, der im Verband ist, automatisch nur noch Sprachrohr der Regierung ist.

Wird denn die Tatsache, dass es Autoren gibt, die von der Regierung nicht gerne gesehen werden, in der Bevölkerung wahrgenommen? Vielleicht sogar als Problem?

Ich denke nicht. Dafür ist China einfach zu groß und dafür gibt es viel zu viele Autoren. Das sind Themen, mit denen sich ein recht geringer Prozentsatz auseinandersetzt. Was wahrgenommen wurde, war zum Beispiel der Bericht zur Lage der Bauern, der dann auch in den Medien besprochen wurde und wo auch auf das Thema aufmerksam gemacht wurde. Als der vom Markt genommen wurde, hat man das schon wahrgenommen. Meines Wissens nach hat auch nur eine chinesische Zeitung den Eklat in Frankfurt thematisiert. Alle anderen haben das Symposium erwähnt aber ohne die Zwischenfälle.

Aber die Buchmesse selbst wird schon wahrgenommen?

Doch, das finden Sie auch in den Medien, das ist schon ein großes Ereignis. Aber wie das der Einzelne wahrnimmt, ist schwer zu sagen. Viele meiner Bekannten wissen das zum Beispiel nicht.

Die Deutschen, heißt es, beschäftigen sich kaum mit chinesischer Literatur und kennen sich dementsprechend schlecht aus. Teilen Sie diese Ansicht?

Grundsätzlich würde ich sagen, das stimmt. Jetzt zur Buchmesse sind ich weiß nicht wie viele Titel erschienen, zum Großteil auch mit Förderung von chinesischer Seite, aber in den Jahren davor war es nur eine Hand voll, häufig Sachen, die zuerst auf Englisch erschienen waren und von denen man gehofft hat, dass sie sich auch auf Deutsch verkaufen. Was aber nicht repräsentativ für die chinesische Literatur ist.

Sinologie hingegen ist ja sehr beliebt und man sagt ja auch immer, Chinesisch sei nach Englisch die kommende Weltsprache. Man sollte doch meinen, es gebe daher so etwas wie einen Trend …

Sinologie ist eben nicht Literaturwissenschaft, die Literatur ist nur eines der Themen und nicht überall wird sie als Schwerpunkt gelehrt. Bei meinen Studenten hab ich die Erfahrung gemacht, dass einige selbst in deutscher Übersetzung keine chinesische Sachen lesen. Woran das liegt, kann ich aber auch nicht sagen. Ich bemühe mich, sie dazu zu drängen. (lacht) Ich könnte mir vorstellen, dass der Zugang kommt, wenn man im Land war.

Wie sieht es denn in China mit den Gattungen aus? Gibt es beispielsweise genauso wie hier Krimis?

Mit Krimis ist es ein bisschen schwierig. Ich hatte mal den Auftrag, einen Krimi im Stile von Maigret zu suchen. Gibt‘s nicht, war die Antwort in der Buchandlung. Es gab mal in den 1930er Jahren Krimis, die sich auch an Conan Doyle orientiert haben, aber was mir bei der Recherche angeboten wurde, waren Sachen, die sich mit Polizeiarbeit beschäftigt haben oder mit Korruption. Aber richtige Krimis gibt es eher nicht.

Gibt es denn die klassischen Gattungsbegriffe in China? Spielen die eine Rolle?

Die gibt es schon, aber ich würde sagen, viele unterscheiden einfach nur zwischen Fiction und Non-Fiction. Das wird grob geteilt, aber weiter eher nicht.

In Deutschland gibt es ja seit einiger Zeit einen Trend zu Ratgebern und zu populärwissenschaftlicher Literatur. Wie sieht es damit in China aus?

So etwas läuft dort sehr gut, sowohl in Übersetzung als auch von chinesischen Autoren. Lebensratgeber oder Ratgeber für die Geschäftswelt. Wie werde ich erfolgreich? Aber auch Ratgeber für Frauen – Ernährung, Ehe, Kinder, Beruf – , das geht sehr gut.

Ganz praktische Frage: Wie teuer sind Bücher in China?

Romane kosten etwa zwischen zwei und vier Euro. Was sehr billig klingt, aber für einen Chinesen doch teuer ist. Deswegen sieht man es sehr häufig, dass Chinesen in Buchhandlungen lesen, vor allem Schüler und Studenten, die sitzen da mit Block oder Hefter und schreiben ab. Fachbücher sind noch teurer, da geht man davon aus, dass das Klientel ohnehin ein höheres Einkommen hat, da kann man für ein Buch schon mal zehn Euro bezahlen.

Noch einmal zurück zur Buchmesse: Sehen Sie eine Chance, dass durch die Buchmesse das Interesse hierzulande langfristig steigt, dass chinesische Literatur in Deutschland einen Markt hat?

Das glaube ich schon, vor allem die jüngeren Autoren. Vor allem, weil sie eben das China jetzt beschreiben. Aber wie das in den nächsten Jahren wird? Es sind so viele Titel jetzt zur Buchmesse erschienen, dass sich da vielleicht auch erstmal eine gewisse Sättigung einstellt. Leider.

Katrin Buchta studierte Sinologie, Japanologie und Rechtswissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin. Anschließend arbeitete sie bis 1998 am Goethe-Institut und der Capital-Normal-University in Peking. Seit 1998 ist sie Mitarbeiterin des Ostasiatischen Instituts der Universität Leipzig und dort seit 2001 für die Sprachausbildung in modernem Chinesisch zuständig. Darüber hinaus gibt sie Seminare zur Interkulturellen Kommunikation mit Schwerpunkt China und arbeitet als Übersetzerin.

Quelle:
Nachrichten
Medien Nachrichten
Interview mit Katrin Buchta – Literatur zwischen Stadt und Land

Tags: Autor | Buchmesse | China | Literatur | Neuerscheinungen | Zensur


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