Sie kennen Georges Méliès nicht? Der französische Illusionist und Regisseur (1861-1938) zählt zu den bedeutendsten Pionieren der Filmgeschichte. Als Erfinder der Stop-Motion-Technik ließ er als Erster unbewegte Dinge lebendig werden. Sein berühmtester Film Die Reise zum Mond ist in seiner Heimat Frankreich mit einer riesigen Skulptur bedacht worden, die den Mond zeigt, wie er von einer Weltraumrakete getroffen wurde. Dieses Motiv spielt in Martin Scorseses erstem 3D-Film Hugo Cabret eine entscheidende Rolle.

Es führt den kleinen Titelhelden Hugo (Asa Butterfield) auf eine abenteuerliche Reise durch die Anfänge des Films und zu jenem Mann, der aus Enttäuschung darüber, mit dem immer schneller und günstiger werdenen Kino nicht mehr mithalten zu können, sogar seinen eigenen Tod vortäuschte. Doch bis dahin ist es für Hugo ein weiter Weg. Nach dem Tod seines Vaters (Jude Law), einem Uhrmacher im Paris der 1930er Jahre, lebt er in den Gewölben des Bahnhofs der französischen Hauptstadt und hält dort die riesigen Uhren am Laufen.

Auf die Fürsorge seines stets versoffenen Onkels, der bald tiefgefroren auf einem Bürgersteig gefunden wird, kann der Zwölfjährige nicht zählen. Und so schlägt er sich mit Diebesgut durch den Tag – immer auf der Hut, dass der überkorrekte Bahnhofspolizist (Sacha Baron Cohen) ihn nicht entdeckt und in ein Waisenhaus bringt. Dort könnte er nicht an seinem mysteriösen Automatenmenschen arbeiten, den der Vater ihm hinterlassen hat.

An einem Schreibtisch mit Tintenfass sitzend, werde der Roboter Hugo eine letzte Botschaft seines Vaters übermitteln. Dessen ist sich der Junge sicher. Nur muss er ihn dafür erst reparieren und mit einem Schlüssel in Form eines Herzens in Gang bringen. Den hat ausgerechnet die quirlige Isabelle (Chloë Grace Moretz) um den Hals hängen. Doch ihr griesgrämiger Onkel, Papa Georges (Ben Kingsley), der im Bahnhof einen Spielwarenladen unterhält, ist von der Kinderfreundschaft gar nicht begeistert. Dabei spielt er die Hauptrolle in dem zu lüftenden Geheimnis.

Martin Scorseses Liebeserklärung an den frühen Film

Die Entdeckung des Hugo Cabret heißt die Romanvorlage für Scorseses Film. Das Kinderbuch von Brian Selznick hat der Starregisseur meisterlich umgesetzt und in ein Fantasy-Märchen für Erwachsene verwandelt. Zwar dürfte es kein Massenpublikum ins Kino locken, zu speziell muten das Thema und zu unspektakulär die Story an. Sie ist vor allem anrührend, jedoch etwas arm an Pointen und Spannungsmomenten. Aber die Bilder, in die Scorsese sie kleidet, sind überwältigend schön und entschädigen vielfach so manche dramaturgische Schwäche.

So lässt der Filmemacher die Kamera durch jeden Winkel des Uhrenlabyrinths im Pariser Bahnhof kriechen, blickt über die verschneite Stadt der Liebe, hetzt durch zig aufgeregte Menschenfüße hindurch über die Gleise und lässt den Dampf der Lokomotiven sowie den Duft der frisch aufgetischten Croissants spürbar werden. Die 3D-Technik hat sich hier tatsächlich einmal ausgezahlt – und das fast ganz ohne große Actionszenen.

Hinzu kommen Originalaufnahmen aus dem frühen 20. Jahrhundert, die das Werk von Georges Méliès in Fragmenten Revue passieren lassen und ungeahnte Nostalgiegefühle wecken. Scorseses Leidenschaft für die Kinogeschichte wird hier als Hommage an den Meister des frühen Films zelebriert. Das geht so weit, dass bekannte Stummfilmszenen neu umgesetzt werden, etwa wenn Hugo an einem Uhrzeiger hängt, der sich immer weiter nach unten bewegt (Safety Last von Harold Lloyd), oder eine Bahn über die Gleise hinaus durch die Bahnhofshalle schießt (L’Arrivée d’un train en gare de La Ciotat von den Brüdern Lumière).

Die meisten Oscarnominierungen – nur nicht für die Darsteller

Diese Begeisterung schwappt über: Man müsste schon ein Holzklotz sein, um nicht zu merken, dass bei Hugo Cabret jemand mit vollem Herzen und viel Liebe zum Detail dabei war. Zu Recht wurde Scorsese dafür bereits mit einem Golden Globe für die beste Regie ausgezeichnet und mit elf Oscarnominierungen für sein Werk belohnt. So viele hat kein anderer Film in diesem Jahr bekommen.

Leider nicht nominiert, aber dennoch herausragend, ist der zum Zeitpunkt des Drehs 13 Jahre alte Hauptdarsteller Asa Butterfield. Er schafft den Spagat zwischen dem melancholischen, manchmal trotzigen Waisenjungen und dem begeisterten Bastler und Filmliebhaber wie ein Großer. Gleiches gilt für Chloë Grace Moretz, die – obwohl Amerikanerin – französischen Charme versprüht. Die meisten Emotionen aber zeigt Ben Kingsley, der mit seiner anfänglichen Garstigkeit fast Angst macht, dann aber unter Tränen beichtet, warum er so unglücklich ist.

Den gelungenen Cast komplett macht Brachialhumorist Sacha Baron Cohen, der – ganz züchtig in Bahnhofsuniform – mit Slapstickeinlagen für Schmunzler sorgt. Insofern ist Hugo Cabret nicht nur für jene ein Muss, die sich für Filmgeschichte interessieren. Die ambitionierten Darsteller und die makellose Optik des Films werden auch jene zufriedenstellen, die von Georges Méliès noch nie etwas gehört haben.

Titel: Hugo Cabret
Regie: Martin Scorsese
Darsteller: Asa Butterfield, Chloë Grace Moretz, Ben Kingsley, Sacha Baron Cohen, Jude Law
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Länge: 126 Minuten
Verleih: Paramount
Kinostart: 9. Februar 2012

Quelle:
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