Einzige Dickens-Konferenz in Deutschland räumt mit Vorurteilen auf 2012 wäre der englische Schriftsteller Charles Dickens 200 Jahre alt geworden. Anlässlich dieses weltweit begangenen „Charles Dickens“ findet an der Universität Vechta vom 7. bis 9. Juni die bundesweit bisher einzige Dickens-Konferenz statt. Behandelt wird dabei die Frage der Bedeutung von Dickens im deutschsprachigen Kulturraum.

Reduziert auf einige wenige (frühe) Erzählungen und Romane wie Oliver Twist (1838) oder die Weihnachtsgeschichte (1843) gilt Dickens heute immer noch als ein Kinderbuchautor, als ein Spitzweg der Romankunst, der mit Liebe zum verschrobenen Detail Vignetten einer längst vergangenen, von kauzigen Charakteren bevölkerten Zeit hervorbringt. Doch stimmt das so? Ist Dickens nicht vielmehr als Intellektueller, als Rezipient und als Verwerter von literarischen, philosophischen und (pseudo-)wissenschaftlichen Texten aufzufassen? Die vielen Anspielungen und intertextuellen Verweise auf Shakespeare, die Bibel, romantische Gedichte, aber auch auf nicht-fiktionale Texte legen nahe, dass das oft monierte Biedermeierliche nur eine Camouflage war, die Leser in der Folge von Zweig und anderen Autoren lange nicht bereit waren zu durchdringen.
Obgleich Thomas Mann den Einfluss von Dickens auf sein Romanwerk einräumt, sind sich um die Jahrhundertwende sowohl die Naturalisten als auch die Modernisten einig, dass Dickens das provozierende Gegenteil jeder Avantgarde sei, dass seine Werke mit dem Geist des prüden Viktorianischen Zeitalters kollaborieren und sowohl inhaltlich als auch erzähltechnisch der Vergangenheit angehören. Auch die von Stefan Zweig vorgelegte Studie Drei Meister: Balzac, Dickens und Dostojewski (1923) hat an dieser negativen Einschätzung von Dickens nichts ändern können. Wenn Zweig behauptet, dass Dickens’ Werke saturiert seien, dass aus ihnen „die Vorsicht des satten England“ spreche und dass – einem Swift’schen Gulliver nicht unähnlich – Dickens sich von den Lilliputanern des viktorianischen Geschmacks habe fesseln lassen, so zeigt sich hier mehr als deutlich, dass die laudatio auf die drei Meister im Falle von Dickens zu einer vituperatio geworden ist.
Die Stimme Theodor W. Adornos, die 1931 in der ‚Rede über den kleinen Kuriositätenladen’ Dickens als Vorreiter einer neuen Anthropologie ausruft und die Protagonistin des Romans A Little Curiosity Shop (1841), Little Nell, zum Objekt einer kapitalistischen Ding-Welt deklariert, wurde lange nicht gehört und im Zuge der Wiederentdeckung Dickens’ in der Nazi-Zeit als subversiv eingestuft. Mit der Erfindung des Juden Fagin in Oliver Twist, der in mehrfacher Hinsicht an die Ikonographie des stereotypen Juden seit Shakespeares Shylock aus dem Merchant of Venice anknüpft, ließ sich Dickens als antisemitischer Autor des Auslands propagandistisch nutzen. Dass Dickens auf den Protest einer Leserin hin sich dazu entschlossen hatte, einen ‚guten Juden’ in den Roman Our Mutual Friend einzufügen und sich ohnehin von den germanischen Heldenkonzeptionen eines Thomas Carlyle distanzierte, wurde lange Zeit nicht zur Kenntnis genommen.
Erst in den letzten Jahrzehnten wird Dickens nun weniger als flacher Humorist (an „immoderate jester,“ wie Chesterton darstellt), sondern als Kritiker und subtiler Unterwanderer seiner viktorianischen Kultur entdeckt. In dem Aufsehen erregenden und kontrovers diskutierten Buch Queer Dickens. Erotics, Families, Masculinities (2009) stellt Holly Furneaux sogar die These auf, dass Dickens sich eines homoerotischen Sprachcodes bedient und die häufig dargestellten Männer-Freundschaften dem Postulat einer heterosexuellen, evangelikal geprägten gender-Kultur widersprechen. Auch die Tatsache, dass es bei Dickens selten traditionelle Familienmuster zu sehen gibt und auffallend viele bachelor-Väter sich der Erziehung der Kinder annehmen (was selbst auf Fagin in seiner Unterwelt-Familie zutrifft), macht augenfällig, wie sehr Dickens Erwartungshorizonte seiner Zeitgenossen übersteigt und die Prämissen der viktorianischen Gesellschaft in Frage stellt.

Kulturwissenschaftliche Fragestellungen aus den Bereichen des ecocriticism, der gender studies, der Anthropologie, der Tierstudien und poverty studies, die zur Zeit an das Werk von Dickens herangetragen werden, zeigen, dass sich hinter der vermeintlichen Fassade des Humoresken Dickens als Autor der Moderne und der Postmoderne verbirgt. Dies wird nicht zuletzt ein Sammelband (Dickens’s Signs, Readers’ Designs: New Bearings in Dickens Criticism) belegen, den Norbert Lennartz (Vechta) in Zusammenarbeit mit Francesca Orestano (Mailand) im Frühjahr 2012 bei Aracne in Rom vorlegen wird.

Foto: Prof. Dr. Norbert Lennartz, Universität Vechta

 

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